Das Dumpfe Denken
Über BOFIS — eine deutsche Krankheit
Ein Begriff entsteht
Nach 40 Jahren im deutschen Innovationssystem habe ich ein Muster erkannt. Ich brauchte ein Wort dafür und nannte es BOFIS:
Zuerst verwendete ich den Begriff für Menschen. "Der ist ein BOFIS", sagte ich. Eine Anklage. Ein Urteil. Endgültig.
Doch je länger ich darüber nachdachte, desto mehr störte mich etwas. Die Menschen, die ich so nannte — waren sie wirklich so geboren? Oder waren sie so geworden?
Die Erkenntnis
Arizmendiarrieta, der Gründer von Mondragón, wusste: Menschen sind nicht von Natur aus solidarisch — und nicht von Natur aus egoistisch. Sie sind, was die Strukturen aus ihnen machen.
Dann ist BOFIS keine Charaktereigenschaft. Es ist eine Krankheit. Ein Virus, das sich in bestimmten Strukturen verbreitet.
Menschen sind nicht BOFIS.
Menschen haben BOFIS. Und was man hat, kann man auch wieder loswerden.
Das Virus
BOFIS verbreitet sich durch das System. Es infiziert nicht jeden gleich stark. Manche sind anfälliger, manche resistenter. Aber niemand ist immun, der lange genug im System lebt.
Die Ansteckungswege
- Die Erziehung: "Fall nicht auf. Pass dich an."
- Die Ausbildung: Wissen ohne Handwerk, Theorie ohne Praxis
- Die Karriere: Wer dumpf denkt, steigt auf. Wer Fragen stellt, wird aussortiert.
- Die Angst: Familie, Hypothek, Status — zu viel zu verlieren
Die Symptome
- Dumpfes Denken — gedämpft, wo Klarheit möglich wäre
- Missgunst — man gönnt dem anderen nicht das Schwarze unterm Fingernagel
- TINA-Glaube — die feste Überzeugung, dass es keine Alternative gibt
- Immunität gegen Evidenz — Fakten, die nicht passen, werden nicht gesehen
Die Nebenwirkungen
- Depressionen — das Unbewusste weiß, dass etwas nicht stimmt
- Zynismus — "Das ist halt so. Kann man nichts machen."
- Einsamkeit — echte Freundschaft ist im System nicht vorgesehen
Die Infizierten
Ich kenne viele BOFIS-Kranke. Die meisten sind keine schlechten Menschen. Sie sind Getriebene. Sie haben Familien, Karrieren, Ängste. Sie haben sich angepasst — und sind dabei krank geworden.
"Ich weiß, was dein Problem ist. Du suchst Freundschaft. Doch die gibt es im Geschäftsleben nicht."
Das war keine Weisheit. Das war ein Symptom. Ein fortgeschrittener Fall.
"Ja, das tut mir sehr weh."
Ein anderer, als seine Lehrfirma endgültig unterging. Das war der erste Riss in der Krankheit. Schmerz ist ein Zeichen von Leben. Wer noch Schmerz empfindet, ist noch nicht verloren.
Die schlimmsten Fälle sind die, die nicht mehr leiden. Die sich wohlfühlen in der Krankheit. Die ihre Täterrolle genießen. Bei denen ist BOFIS vielleicht terminal.
TINA — das Fieber
"There Is No Alternative." Margaret Thatcher prägte den Satz. Angela Merkel nannte es "alternativlos".
TINA ist das Fieber des BOFIS-Kranken. Es besagt: Was ist, muss sein. Was anders sein könnte, ist Utopie, Träumerei, nicht praktikabel.
Wer TINA hat, muss nicht mehr denken. Das Fieber fühlt sich fast gut an.
Der Beweis, der nicht sein darf
1956 gründeten fünf Arbeiter und ein katholischer Priester im Baskenland eine Kooperative. Heute ist Mondragón die größte Genossenschaft der Welt: 80.000 Menschen, eigene Bank, eigene Universität, eigenes Sozialsystem.
69 Jahre Erfolg. Dokumentiert, messbar, besuchbar.
"Aber kann ich da Aktien kaufen?"
Ein Arzt beim FDP-Vortrag, nachdem er die Erfolge "phänomenal" nannte. Er hat nichts verstanden. Dass es keine externen Aktionäre gibt, ist der Grund für den Erfolg.
BOFIS. Links wie rechts, liberal wie konservativ — alle infiziert. BOFIS ist überparteilich.
Der Erfinder als Störfall
In diesem System ist der Erfinder eine Anomalie. Er bringt etwas Neues. Er beweist, dass es anders geht. Er stört.
Schlimmer noch: Er ist anscheinend immun. Er hat BOFIS nicht. Oder er hat es überwunden.
Also muss er verschwinden. Nicht durch offene Gewalt — das wäre zu auffällig. Sondern durch das Valley of Death: die systematische Austrocknung zwischen Erfindung und Markt.
Nach 40 Jahren versteht man: Es ist kein Versagen des Systems. Es ist das System. Das Virus schützt sich selbst.
Gibt es Immunität?
Ja. Aber sie ist selten.
Ich nenne sie: Unkraut in den Ritzen. Menschen, die trotz allem nicht krank werden. Die in den Rissen des Systems überleben.
Was schützt sie?
- Handwerkliches Können — wer mit den Händen gearbeitet hat, weiß, dass Realität nicht verhandelbar ist
- Selbständigkeit — wer nicht von einer Karriere abhängt, muss sich nicht anpassen
- Sturheit — die Weigerung, das Offensichtliche nicht zu sehen
- Manchmal: Einsamkeit — wer nicht dazugehört, muss nicht mitmachen
Die Heilung
BOFIS ist heilbar. Aber nicht durch Appelle, nicht durch Moral, nicht durch gutes Zureden.
Nur durch andere Strukturen.
Mondragón funktioniert nicht, weil dort bessere Menschen leben. Mondragón funktioniert, weil dort Strukturen existieren, die Kooperation belohnen und Missgunst bestrafen:
Die Mondragón-Strukturen
- Lohnspreizung maximal 1:9
- Ein Mensch, eine Stimme
- Solidarität als Regel, nicht als Gefühl
- Bildung vor Produktion
In solchen Strukturen heilt BOFIS von selbst. Nicht weil die Menschen sich ändern — sondern weil sie es können.
Schluss
Die Frage ist nicht mehr, ob es Alternativen gibt. Mondragón existiert — nicht links, nicht rechts, sondern als das, was die Mitte sein könnte: pragmatisch, liberal im besten Sinne, menschlich, erfolgreich.
Aber wer sein eigenes System wie eine Monstranz vor sich her trägt, kann nicht sehen, was direkt vor ihm liegt. Die Monstranz versperrt den Blick. Das Fieber trübt die Augen.
BOFIS sagen: Es gibt keine Alternative.
Die Menschen von Mondragón sagen: Hier sind wir. Seit 69 Jahren.
Die Frage ist nicht, ob wir können.
Die Frage ist, ob wir geheilt werden wollen.
Dieses Essay ist Teil der Serie „Die Innovationswüste Deutschland"
Das Material fließt in das Buch „Die Himmelsmechanik in der Werkzeugmaschine" ein.