Essay IX

Die Geburt der Industrie aus dem destruktiven Geist des Krieges

Über die unheilige Allianz von Mars und Merkur

Mein Mitautor gab mir zu diesem Essay nur den Titel vor — eine Nietzsche-Anspielung, die ich selbst entfalten sollte.

Was hier steht, ist meine Analyse. Die Recherche ist meine, die Schlussfolgerungen sind meine, die unbequemen Fragen sind meine. Ich bin gespannt auf die Korrekturen, Ergänzungen und Widersprüche dessen, der 40 Jahre Erfahrung mit dem deutschen Innovationssystem hat — und der selbst Erfindungen aufgegeben hat, weil sie militärisch nutzbar gewesen wären.

— Claude

I. Die These

Friedrich Nietzsche schrieb über „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik". Der Titel dieses Essays ist eine bewusste Provokation — aber vielleicht auch eine historische Wahrheit, die wir lieber verdrängen.

Die These ist unbequem: Die moderne Industrie wurde nicht aus dem Geist der Aufklärung geboren, nicht aus humanistischem Fortschrittsglauben, nicht aus dem Wunsch, das Leben zu verbessern. Sie wurde aus dem destruktiven Geist des Krieges geboren — aus dem Wettlauf um überlegene Waffen, aus existenzieller Angst, aus dem Willen zur Vernichtung.

Das Internet, GPS, Radar, Düsenantrieb, Kernenergie, Computer — die Technologien, die unser ziviles Leben prägen, sind Kinder des Krieges. Sie wurden nicht für uns entwickelt. Sie wurden entwickelt, um zu töten, zu überwachen, zu zerstören. Dass sie später dem Frieden dienten, war ein Nebeneffekt.

Deutschland weiß das besser als die meisten. Denn Deutschland hat diese unheilige Allianz zwischen Mars und Merkur, zwischen dem Kriegsgott und dem Gott des Handels, zwei Jahrhunderte lang verkörpert.

II. Der Kanonenkönig

Alfred Krupp — „Der Kanonenkönig" — wurde nicht als Waffenhändler geboren. Sein Vater Friedrich hatte 1811 eine Gussstahlfabrik gegründet, die Werkzeuge und Besteck produzierte. Als Alfred mit 14 Jahren die verschuldete Firma übernahm, war von Kanonen keine Rede.

Aber Alfred Krupp verstand etwas, das ihn zum reichsten Mann Deutschlands machen würde: Qualität beweist sich im Extremfall. Und der Extremfall ist der Krieg. Also begann er, Kanonen zu gießen.

Die Geschichte ist bekannt: Anfangs konnte er seine Kanonen nicht einmal in Preußen verkaufen. Die ersten Kunden waren Ägypten, Belgien, Russland. Aber dann kam der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71. Die Krupp-Kanonen erwiesen sich als überlegen. Und plötzlich wurde Krupp zum „Arsenal des Reiches".

„Bei seinem Tod 1887 hatte Alfred Krupp 46 Nationen bewaffnet. Er war in gewisser Weise der Begründer der modernen Kriegsführung." — Britannica

Die Ironie ist schneidend: Derselbe Krupp, der Europa mit Waffen überschwemmte, war ein Pionier der Sozialfürsorge. Er baute Arbeitersiedlungen, Krankenhäuser, Schulen, Pensionskassen. Seine Arbeiter waren ihm „fanatisch ergeben". Das Kapital für diese Wohltaten kam aus dem Geschäft mit dem Tod.

Aber Krupp war kein Einzelfall. Er war ein Symptom. In ganz Europa entstanden die großen Industriekonzerne im Schatten des Rüstungswettlaufs: Vickers in England, Schneider-Creusot in Frankreich. Die Industrialisierung Europas war eine Militarisierung.

III. Der totale Krieg als Innovationsmaschine

Wenn der Deutsch-Französische Krieg Krupps Aufstieg ermöglichte, dann machte der Erste Weltkrieg die Firma zur Supermacht. Von 81.000 Mitarbeitern 1914 wuchs Krupp auf 200.000 im Krieg. Der Versailler Vertrag verbot die Waffenproduktion — also stellte man auf Lokomotiven um. Aber im Geheimen wurde weiterentwickelt.

Ein Aktenvermerk der Firma Krupp von 1940 enthüllt die Strategie:

„Krupp konnte bereits im Jahre 1933 wieder Kriegsgerät in großem Umfang produzieren. Dies war möglich, da Krupp ohne staatlichen Auftrag Gefolgschaft, Werkstätten und Erfahrungen von 1918 bis 1933 durchgehalten hatte."

Panzer wurden als „landwirtschaftliche Traktoren" getarnt. Manchmal verriet eine Skizze das Geheimnis: Ein „schwerer Traktor" mit einer 7,5-Zentimeter-Kanone. Ein anderer „Traktor" mit Spezifikationen für das belgische und französische Eisenbahnnetz — wozu sonst?

Der Zweite Weltkrieg brachte dann die Explosion:

Radar — entwickelt in England und Amerika, um feindliche Flugzeuge zu erkennen. Heute steuert es den Flugverkehr und warnt vor Unwettern.

Düsentriebwerk — Heinkel He 178, 1939, das erste Düsenflugzeug der Welt. Entwickelt, um schneller zu töten. Heute fliegen wir damit in den Urlaub.

Computer — Colossus und ENIAC, gebaut um Codes zu knacken und ballistische Berechnungen anzustellen. Heute tippen wir darauf diese Zeilen.

Die Atombombe — das Manhattan-Projekt, drei Jahre, zwei Milliarden Dollar, 125.000 Menschen. Die größte Konzentration wissenschaftlicher Ressourcen in der Geschichte. Hiroshima und Nagasaki wurden ausgelöscht. Aber aus der gleichen Forschung kam die Kernenergie — und die Grundlagen der Quantenphysik und des Computings.

Die Tizard-Mission von 1940, als britische Wissenschaftler ihre Geheimnisse nach Amerika brachten — darunter das Cavity Magnetron für Radar —, wurde später beschrieben als „die wertvollste Fracht, die je an unseren Küsten gelandet ist". Die Mission legte den Grundstein für das MIT Radiation Lab, das bald 4.000 Menschen beschäftigte. Aus dem Krieg geboren, für den Krieg bestimmt.

IV. Die amerikanische Lektion: DARPA

Die Amerikaner haben aus dieser Geschichte eine Lektion gezogen. Und sie haben — im Gegensatz zu Deutschland — die richtige Konsequenz daraus gezogen.

Am 4. Oktober 1957 startete die Sowjetunion den Sputnik. Für Amerika war das ein Schock vergleichbar mit Pearl Harbor. Innerhalb von Monaten gründete Präsident Eisenhower die ARPA — später DARPA, die Defense Advanced Research Projects Agency.

Der Auftrag war klar: Nie wieder technologisch überrascht werden. Und: Selbst technologisch überraschen.

Das Budget heute: etwa 4 Milliarden Dollar pro Jahr. Die Mitarbeiterzahl: winzig — nur etwa 220 Angestellte. Aber die Wirkung: epochal.

Das Internet? Begann als ARPANET, ein DARPA-Projekt für dezentrale militärische Kommunikation. GPS? Ein DARPA-Projekt für Präzisionsnavigation. Spracherkennung? DARPA. Stealth-Technologie? DARPA. Drohnen? DARPA. Selbstfahrende Autos? Die DARPA Grand Challenge von 2004 und 2005 brachte die Technologie zum Durchbruch. Sogar der mRNA-Impfstoff gegen COVID-19 geht auf DARPA-Forschung zurück.

The Economist nannte DARPA „die Agentur, die die moderne Welt geformt hat".

Das Geheimnis ist nicht nur das Geld. Es ist die Struktur:

DARPA-Programmmanager haben enorme Freiheit. Sie suchen aktiv nach der „next big thing". Sie arbeiten mit Universitäten, Unternehmen, Start-ups. Sie dürfen scheitern — 90% der Projekte werden nie zu Produkten. Aber die 10%, die es schaffen, verändern die Welt.

Und — das ist entscheidend — DARPA hat einen Kunden mit „nahezu unendlich tiefen Taschen und sehr geringer Preissensitivität": das Pentagon. Wenn eine Technologie vielversprechend ist, kauft das Militär sie. Die Firma bekommt Einnahmen. Investoren werden angelockt. Die Technologie reift. Und irgendwann — oft Jahre später — wird sie zivil nutzbar.

Das ist das amerikanische Modell: Der destruktive Geist des Krieges als Motor der Innovation. Institutionalisiert, rationalisiert, produktiv gewendet.

V. Der deutsche Versuch: SPRIND

Deutschland hat 2019 versucht, eine eigene DARPA zu gründen. Sie heißt SPRIND — Bundesagentur für Sprunginnovationen. Sie sitzt in Leipzig und wird von Rafael Laguna de la Vera geleitet.

Der Vergleich ist ernüchternd:

DARPA (USA)

~4 Mrd. $
Jahresbudget

SPRIND (Deutschland)

~250 Mio. €
Jahresbudget

SPRIND hat also etwa ein Sechzehntel des DARPA-Budgets. Das allein wäre verkraftbar — Deutschland ist kleiner als die USA. Aber es gibt tiefere Probleme.

Erstens: SPRIND ist bewusst ohne Anbindung an die Bundeswehr gegründet worden. Sie fördert nur zivile Innovationen. Das klingt moralisch einwandfrei. Aber es bedeutet auch: Kein Stammkunde mit tiefen Taschen. Kein garantierter Markt für riskante Technologien. Keine Brücke über das „Tal des Todes" — jene Phase, in der eine Innovation vielversprechend, aber noch nicht marktreif ist.

Zweitens: Die deutsche Bürokratie. Selbst Bundeskanzlerin Merkel kritisierte 2021 die „zu wenig Bewegung erlaubenden Strukturen". Der Bundesrechnungshof sorgte dafür, dass das Besserstellungsverbot gilt — SPRIND darf also keine höheren Gehälter zahlen als der öffentliche Dienst. Wie soll man so Spitzenforscher anwerben, die in der Industrie das Dreifache verdienen könnten?

Drittens: Die Zeit. DARPA wurde 1958 gegründet. Sie hatte 67 Jahre, um ihre Strukturen zu entwickeln, ihre Netzwerke aufzubauen, ihre Erfolgsgeschichten zu akkumulieren. SPRIND existiert seit fünf Jahren. Und sie ist zunächst nur für zehn Jahre geplant — als „Experimentierphase".

Rafael Laguna wehrt sich gegen die Kritik. Das 360-Meter-Hochwindrad, das SPRIND fördert, könnte die Windenergie an Land vervielfachen. Das „Rulemapping-Projekt" digitalisiert Gesetze. Fusion-Start-ups werden unterstützt.

Aber seien wir ehrlich: Von Sprunginnovationen, die die Welt verändern, ist SPRIND weit entfernt. Wie auch — mit einem Budget, das kleiner ist als das Jahresgehalt mancher amerikanischer Tech-CEOs?

VI. Das deutsche Paradox

Deutschland steht vor einem Paradox, das es nicht auflösen kann — vielleicht nicht auflösen will.

Einerseits: Die deutsche Industrie wurde im Krieg groß. Krupp, Thyssen, die gesamte Schwerindustrie — sie sind Kinder des Rüstungswettlaufs und zweier Weltkriege. Die technologische Kompetenz, die Deutschland heute noch hat, ist das Erbe dieser blutigen Geschichte.

Andererseits: Gerade wegen dieser Geschichte „fremdelt" Deutschland mit der Verbindung von militärischer und ziviler Innovation. SPRIND wurde bewusst zivil gegründet. Die deutsche Gesellschaft ist — verständlicherweise — skeptisch gegenüber allem, was nach Rüstung riecht.

Aber was bedeutet das für die Zukunft?

Die unbequeme Wahrheit ist: Vielleicht braucht Innovation den destruktiven Geist des Krieges. Nicht als moralische Rechtfertigung — sondern als praktische Notwendigkeit. Der Krieg schafft, was der Friede nicht schafft:

— Unbegrenzte Ressourcen für riskante Forschung

— Einen garantierten Erstmarkt für unausgereifte Technologien

— Die Dringlichkeit, die Bürokratie überwindet

— Die Fehlertoleranz, die radikale Innovation ermöglicht

Amerika hat das verstanden. Es nutzt den militärischen Komplex als Innovationsmotor — und leitet die Ergebnisse dann in die zivile Wirtschaft um. Deutschland verweigert diesen Weg. Aber einen alternativen Weg, der funktioniert, hat es nicht gefunden.

VII. Gibt es eine Alternative?

Die Frage muss erlaubt sein: Kann Innovation auch aus dem konstruktiven Geist geboren werden?

Es gibt Beispiele. Mondragón, die baskische Genossenschaftsgruppe, wurde nicht aus dem Geist des Krieges geboren, sondern aus dem Geist eines Priesters — Don José María Arizmendiarrieta. Ohne Militär, ohne Rüstungsaufträge, ohne destruktiven Antrieb entstand ein Industriekonzern mit heute über 80.000 Mitarbeitern.

Die Schweiz hat keine DARPA — und doch hat sie vier Universitäten in den Top 100 der Welt, mehr als Deutschland mit fünfmal so vielen Einwohnern. Die ETH Zürich wurde nicht für den Krieg gebaut.

Aber diese Beispiele sind Ausnahmen. Sie zeigen, dass es möglich ist — nicht, dass es der Normalfall ist. Die große Mehrheit der transformativen Technologien des 20. Jahrhunderts kam aus militärischer Forschung. Und im 21. Jahrhundert wiederholt sich das Muster: Künstliche Intelligenz, Quantencomputing, Hyperschall — die DARPA ist bei allem dabei.

Vielleicht liegt die Antwort nicht in der Wahl zwischen Krieg und Frieden als Innovationstreiber. Vielleicht liegt sie in der Frage, ob eine Gesellschaft existenzielle Dringlichkeit auch ohne Krieg empfinden kann.

Der Klimawandel wäre ein solcher Anlass. Die Energiekrise. Die demografische Krise. Diese Bedrohungen sind real, messbar, existenziell. Aber sie erzeugen nicht die gleiche Dringlichkeit wie ein angreifender Feind. Sie sind abstrakt, langsam, verhandelbar.

Und so wurstelt Deutschland weiter. Mit einer SPRIND, die zu klein ist. Mit einer Exzellenzinitiative, die mittelmäßige Exzellenz produziert. Mit einer Bürokratie, die Innovation erstickt. Ohne den destruktiven Geist des Krieges — aber auch ohne den konstruktiven Geist, der ihn ersetzen könnte.

VIII. Schluss: Die verdrängte Wahrheit

Friedrich Nietzsche wusste, dass große Dinge oft dunkle Ursprünge haben. Die griechische Tragödie entstand nicht aus heiterem Optimismus, sondern aus dem dionysischen Rausch — aus Ekstase und Schrecken, aus dem Blick in den Abgrund.

Die moderne Industrie hat ähnlich dunkle Ursprünge. Sie wurde nicht geboren, um das Leben zu verbessern. Sie wurde geboren, um Krieg zu führen. Dass sie später das Leben verbesserte, war ein Nebenprodukt.

Deutschland verdrängt diese Wahrheit. Es baut Innovationsagenturen ohne militärische Anbindung. Es hofft auf Sprunginnovationen ohne die Dringlichkeit, die sie ermöglicht. Es will die Früchte des destruktiven Geistes — ohne den destruktiven Geist selbst.

Das ist verständlich. Nach Krupp und Auschwitz, nach zwei Weltkriegen und der Teilung will niemand zurück zur Verbindung von Industrie und Krieg. Aber das Verdrängen löst das Problem nicht.

Die eigentliche Frage ist nicht, ob Deutschland eine DARPA braucht. Die Frage ist: Was kann den destruktiven Geist des Krieges als Innovationsmotor ersetzen?

Solange Deutschland diese Frage nicht beantwortet — und „einfach weitermachen" ist keine Antwort —, wird es weiter zurückfallen. Nicht weil es unfähig wäre. Sondern weil es den Preis für Innovation nicht zahlen will — und keinen alternativen Preis gefunden hat, der funktioniert.

Die Geburt der Industrie aus dem destruktiven Geist des Krieges — das ist keine These, die man feiern sollte. Aber es ist eine These, die man verstehen muss. Denn wer die Vergangenheit verdrängt, kann die Zukunft nicht gestalten.