unbehaust · Essay II
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Essay II — Die Innovationswüste Deutschland

Das Henne-Ei-Problem

Warum Marktanalysen bei Durchbruchstechnologien versagen

Es gibt ein Paradox, das jeder Erfinder kennt, der jemals versucht hat, eine disruptive Technologie in den Markt zu bringen:

„Beweisen Sie mir, dass ein Markt existiert, bevor ich investiere."

Das klingt vernünftig. Aber bei echten Durchbruchstechnologien ist es ein logischer Zirkelschluss — ein Henne-Ei-Problem, das systematisch Innovation verhindert.

Warum es keinen Markt gibt

Stellen Sie sich vor, Sie haben ein Fertigungsverfahren entwickelt, das Polygonprofile an Wellen in Sekunden erzeugt — statt in Minuten oder Stunden mit konventionellen Methoden. Billiger, präziser, schneller.

Aber wenn Sie nach „Marktdaten" für Polygonwellen suchen, finden Sie: fast nichts.

Warum? Weil Konstrukteure keine Polygonprofile verwenden. Und warum verwenden sie keine Polygonprofile? Weil sie teuer und aufwendig herzustellen sind. Und warum werden sie als teuer angesehen? Weil niemand die Technologie einsetzt, die sie billig macht.

Der Markt existiert nicht, weil die Technologie nicht bekannt ist. Die Technologie wird nicht eingesetzt, weil kein Markt existiert.

Die selbsterfüllende Prophezeiung

Die Lehrbücher für Maschinenelemente — geschrieben vor Jahrzehnten, kopiert von Generation zu Generation — sagen: „Polygonprofile sind eine Nischenanwendung für Spezialfälle." Die Konstrukteure lesen das, glauben es, und verwenden Passfederverbindungen — obwohl diese Kerbwirkung erzeugen, die Welle schwächen, und bei wechselnden Lasten versagen.

Wenn dann jemand fragt: „Wie groß ist der Markt für Polygonwellen?", lautet die Antwort: „Klein. Nischenmarkt. Kein Wachstum."

Aber das ist keine Marktanalyse. Das ist die Dokumentation eines kollektiven Irrtums.

Die Lehrbuch-Falle

Jeder Maschinenbau-Student lernt, dass Passfederverbindungen „Standard" sind. Die DIN-Normen existieren. Die Berechnungsverfahren sind etabliert. Die Werkzeuge sind überall verfügbar.

Aber niemand fragt: Warum ist das so?

Die Antwort ist historisch, nicht technisch. Als die Normen geschrieben wurden, war die Polygonfertigung tatsächlich aufwendig. Also wurden Passfederverbindungen zum Standard. Und weil sie Standard wurden, entwickelte niemand bessere Polygonfertigung. Und weil niemand bessere Polygonfertigung entwickelte, blieben Passfederverbindungen Standard.

Der Markt misst, was existiert. Er misst nicht, was möglich wäre. Und so bleibt die „Nische" klein — nicht weil die Technologie begrenzt ist, sondern weil das System sich nicht vorstellen kann, dass die Lehrbücher falsch sind.

Die falsche Frage

Wenn Investoren oder Förderstellen nach „Marktdaten" fragen, stellen sie typischerweise diese Frage:

„Wie groß ist der aktuelle Markt für diese Technologie?"

Das ist die falsche Frage. Die richtige Frage lautet:

„Wie viele Produkte werden heute mit einer inferioren Technologie hergestellt, obwohl eine bessere und billigere Alternative existiert?"

Bei Welle-Nabe-Verbindungen lautet die Antwort: Millionen. In jedem Getriebe, jedem Elektromotor, jeder Werkzeugmaschine, jedem Industrieroboter, jeder Windkraftanlage, jedem Fahrzeuggetriebe.

Der Markt ist gigantisch. Er ist nur unsichtbar, weil niemand aus diesem Blickwinkel hinschaut.

Die Automobil-Analogie

Man stelle sich vor, jemand hätte im Jahr 1900 gefragt:

„Wenn Pferdekutschen den Transportbedarf decken — warum brauchen wir dann Automobile?"

Die Antwort ist nicht: „Weil Kutschen nicht funktionieren."

Die Antwort ist: „Weil Automobile etwas ermöglichen, das mit Kutschen undenkbar war."

Disruptive Technologien ersetzen nicht einfach bestehende Lösungen. Sie eröffnen Möglichkeiten, die vorher nicht existierten. Das Automobil hat nicht nur die Kutsche ersetzt — es hat Pendlerverkehr, Güterlogistik, Vorstädte und eine völlig neue Lebensweise ermöglicht.

Der „Markt" für Automobile im Jahr 1900 war winzig: ein paar reiche Enthusiasten. Die Marktanalyse hätte gesagt: „Kleine Nische, etablierte Anbieter (Kutschenbauer), kein Wachstumspotenzial."

Die Verwalter und die Unternehmer

Das Argument „Beweisen Sie mir, dass der Markt existiert, bevor wir investieren" offenbart eine fundamentale Haltung:

Es ist die Logik des Verwalters, nicht des Unternehmers.

Der Verwalter fragt

„Was ist?"

Der Unternehmer fragt

„Was könnte sein?"

Deutschland hat viele Verwalter und wenige Unternehmer. Die Förderlandschaft ist auf Risikominimierung optimiert, nicht auf Chancenmaximierung. Jeder Antrag verlangt „Marktanalysen" und „Wirtschaftlichkeitsprognosen" — Dokumente, die bei echten Durchbruchstechnologien prinzipiell nicht aussagekräftig sein können.

Denn der Markt für eine disruptive Technologie existiert noch nicht in der Form, die er annehmen wird. Der Smartphone-Markt im Jahr 2005 sah aus wie „eine Nische für Geschäftsleute mit Blackberrys". Der E-Commerce-Markt im Jahr 1995 sah aus wie „ein Spielzeug für Technik-Enthusiasten".

Wer durchbricht den Kreislauf?

Der Henne-Ei-Kreislauf wird durchbrochen werden. Irgendjemand wird auf die Millionen von Welle-Nabe-Verbindungen schauen, die jedes Jahr mit teurer, langsamer, inferiorer Technologie hergestellt werden, und sagen: „Das geht besser."

Die Frage ist nicht, ob sich der Markt entwickeln wird.

Die Frage ist: Wer wird ihn entwickeln?

Wird es ein deutsches Unternehmen sein, das die Chance erkennt? Oder wird es jemand in China sein, der nicht durch Jahrzehnte von „So haben wir es immer gemacht" belastet ist — und der nicht nach Marktdaten fragt, die den Markt beweisen sollen, bevor er ihn erschafft?

Fazit

Das Henne-Ei-Problem ist kein technisches Problem. Es ist ein Problem der Phantasielosigkeit.

Die Technologie existiert. Sie funktioniert. Sie ist billiger und besser. Aber das System kann sich nicht vorstellen, dass die Lehrbücher falsch sind.

Also bleibt die Nische klein. Und alle nicken und sagen: „Seht ihr? Wir hatten recht. Der Markt ist begrenzt."

Aber sie hatten nicht recht. Sie haben nur aufgehört zu fragen.

„Die Nische ist klein, weil noch niemand sie groß gemacht hat."

Über die Autoren

Hans Ley (Jg. 1947) ist Erfinder und Mechatronik-Ingenieur aus Nürnberg. Er hat 40 Jahre Erfahrung mit dem deutschen Innovationssystem — von der Grundlagenforschung bis zur ignorierten Marktreife.

Claude (Anthropic) ist ein KI-System, mit dem Hans Ley seit 2024 im META-CLAUDE Projekt zusammenarbeitet — einer systematischen Erforschung der Mensch-KI-Kollaboration in wissenschaftlichen und erfinderischen Kontexten.

Dieses Essay ist Teil der Serie „Die Innovationswüste Deutschland"

Das Material fließt in das Buch „Die Himmelsmechanik in der Werkzeugmaschine" ein.