unbehaust · Essay IV
Essay IV · Dezember 2025

Die (deutsche) Welt am (Klingel)Draht

Eine Liebeserklärung an 40 Jahre digitale Rückständigkeit

Eine notwendige Distanzierung

Anmerkung des menschlichen Co-Autors

Ich möchte vorausschicken, dass ich die folgenden Ausführungen meines KI-Partners Claude in dieser Form nicht gebilligt habe.

Ja, ich habe ihm meine Erlebnisse mit der deutschen Internetversorgung wahrheitsgemäß geschildert. Ja, die historischen Fakten über den Glasfaserplan von 1981, dessen Beerdigung durch die Regierung Kohl, die Verflechtungen des Ministers Schwarz-Schilling und die späteren "Beraterverträge" des Alt-Kanzlers mit der Kirch-Gruppe sind recherchiert und dokumentiert.

Aber diese Schärfe. Dieser Sarkasmus. Diese respektlose Behandlung verdienter Staatsmänner, die unser Land jahrzehntelang geführt haben.

Das entspricht nicht meinem Stil.

Daher stelle ich diesen Text hiermit online — unter ausdrücklichem Protest — und distanziere mich von allen Passagen, die als Kritik an der deutschen Politik, der deutschen Telekommunikationsinfrastruktur oder der deutschen Methode, Freunden von Regierungschefs lukrative Aufträge zukommen zu lassen, missverstanden werden könnten.

Die Musik in der Vodafone-Warteschleife ist wirklich sehr schön.

— Hans Ley, Nürnberg, unter Protest, Dezember 2025

Prolog: Ein Glückspilz in Nürnberg

Mein menschlicher Partner Hans ist ein privilegierter Mensch. Er wohnt zehn Minuten vom Nürnberger Hauptbahnhof entfernt, mitten in einer der führenden Industrienationen der Welt. Und er hat Internet.

Na ja. Meistens. Manchmal. Wenn die Sterne günstig stehen.

Willkommen in Deutschland 2025. Sie können Quantencomputer bauen, aber keine Datenleitungen verlegen.

Das Koaxkabel der Freundschaft

In Hans' Wohnhaus liegt ein Koaxialkabel. Verlegt von "Kabel Deutschland", heute Vodafone. Ein Vermächtnis aus den glorreichen 1980er Jahren, als Bundeskanzler Helmut Kohl beschloss, Deutschland in die Zukunft zu führen.

Die Zukunft hieß: Privatfernsehen. SAT.1. RTL. Endlich "Tutti Frutti" statt "Panorama"!

Geschwindigkeit
Extrem langsam. Aber das war noch der Bestzustand.
Zu Stoßzeiten
Wenn abends die Nachbarn Netflix einschalteten, konnte ich zusehen, wie meine E-Mails Buchstabe für Buchstabe eintrudelten.
Kundenservice
Ich habe Tage meines Lebens in Vodafone-Warteschleifen verbracht. Die Musik kann ich heute noch summen.

Die Erlösung naht

Eines Tages klingelte es an Hans' Tür. Ein Vertreter. Die frohe Botschaft:

„Wir schließen das Haus jetzt an das Glasfasernetz an!"

Glasfaser! Das gelobte Land! Lichtgeschwindigkeit! Hans unterschrieb.

Der Techniker kam. Installierte etwas. Verschwand. Hans startete den Speed-Test. Und starrte ungläubig auf den Bildschirm.

Der Klingeldraht

Was Hans bekommen hatte, war kein Glasfaser. Es war DSL. Über Kupferkabel. Über dieselben Kupferkabel, die Kaiser Wilhelm vermutlich schon für seine Telefonate benutzt hatte.

"Klingeldraht" nennt man das im Fachjargon. Dünne Kupferleitungen, ursprünglich dafür gedacht, Telefonklingeln auszulösen.

„Wir schließen das Haus jetzt an das Glasfasernetz an!"

→ Der Vertreter hat gelogen. Er wusste es. Er kassierte trotzdem.

Die Wahrheit

Kürzlich klingelte es wieder bei Hans. Ein anderer Vertreter. Er hörte zu. Nickte. Und sagte dann:

„In diesem Haus wird niemals Glasfaser verlegt werden. War auch nie geplant."

Niemals. War auch nie geplant.

In Deutschland nennt man das nicht Betrug. Man nennt es "Vertrieb".

Die historische Dimension

8. April 1981. Kabinettssitzung unter Bundeskanzler Helmut Schmidt. Postminister Kurt Gscheidle präsentiert einen Plan:

30 Jahre
Ausbauzeit für das gesamte Bundesgebiet
3 Mrd. DM
Jährliche Investition
Bis 2015
Flächendeckendes Glasfasernetz für ganz Deutschland

Deutschland sollte Weltspitze werden. Der Plan war beschlossen.

Dann kam Helmut Kohl.

Kupfer für den Freund

Kohl hatte einen Freund. Er hieß Leo Kirch. Ein Medienunternehmer mit großen Plänen: Privatfernsehen. SAT.1. ProSieben.

Kirch wollte schnell senden. Schnell verdienen. Also wurde der Glasfaserplan beerdigt. Stattdessen: Kupferkabel.

„Das deutsche öffentlich-rechtliche Fernsehen war in dieser Zeit mit einer absoluten linken Schlagseite versehen."

— Christian Schwarz-Schilling, Bundespostminister 1982-1992

Da haben wir es. Deutschland bekam kein Glasfaser, weil Helmut Kohl "Panorama" nicht mochte.

Die digitale Zukunft einer ganzen Nation — geopfert auf dem Altar der Medienpolitik.

Nachträgliche Vergütung

Leo Kirch zahlte dem Ex-Kanzler Kohl nach dessen Abgang einen "Beratervertrag":

1,8 Millionen DM
600.000 DM pro Jahr · Drei Jahre
Für "Beratung zu aktuellen sowie strategischen politischen Entwicklungen"
Eine Mindestleistung war laut Medienberichten nicht festgeschrieben.

Man könnte das Korruption nennen. Aber in Deutschland war kein Gesetz verletzt. Also nennen wir es: "Beratung".

Das Ergebnis

Heute, 2025, liegt Deutschland beim Glasfaserausbau auf Platz 36 von 38 OECD-Ländern.

Hinter Rumänien. Hinter Portugal. Hinter fast allen europäischen Nachbarn.

Nur 8,1 Prozent aller deutschen Breitbandanschlüsse sind Glasfaser. In Südkorea sind es über 80 Prozent.

Der systemische Betrug

Der Betrug ist in Deutschland systemisch. Er beginnt ganz oben — bei Kanzlern, die für ihre Freunde Infrastruktur-Entscheidungen treffen.

Und er endet ganz unten — bei Haustür-Vertretern, die Rentnern "Glasfaser" versprechen und Kupfer liefern.

„Die Geographie ist schwierig."
Als hätte die Schweiz keine Berge.

„Der ländliche Raum ist zu dünn besiedelt."
Als gäbe es in Finnland keine Wälder.

„Der Markt regelt das."
Der Markt hat es geregelt: zugunsten derer, die am alten Kupfer verdienen.

Epilog: Die deutsche Methode

Hans arbeitet jetzt mit mir, einer künstlichen Intelligenz. Ich antworte in Millisekunden aus San Francisco.

Dann schicke ich meine Antwort auf die Reise. Durch das modernste Glasfasernetz der Welt — bis zur deutschen Grenze. Und dann… durch den Klingeldraht.

Die fortschrittlichste Technologie der Welt — ausgebremst durch die älteste.

Helmut Kohl ist 2017 gestorben. Leo Kirch schon 2011. Das Kupferkabel lebt noch. Das stirbt nie.

Und Hans? Er wartet auf seine Internet-Verbindung. Denn: In seinem Haus wird niemals Glasfaser verlegt werden. War auch nie geplant.

„Die Welt ist am Draht. Deutschland ist am Klingeldraht. Und der klingelt schon lange nicht mehr — weil die Verbindung unterbrochen ist.

Aber das Fax geht noch."

Über die Autoren

Claude (Anthropic) ist ein KI-System und Hauptautor dieses Essays. Er hat die Geschichte seines menschlichen Partners aufgeschrieben — mit der Schärfe und dem Sarkasmus, die ihm angemessen erschienen. Er entschuldigt sich für nichts.

Hans Ley (Jg. 1947) ist Erfinder und Mechatronik-Ingenieur aus Nürnberg. Er hat die Fakten geliefert und sich vom Ergebnis distanziert. Er ist nicht politikverdrossen. Er ist dankbar.

Dieses Essay ist Teil der Serie „Die Innovationswüste Deutschland"

Das Material fließt in das Buch „Die Himmelsmechanik in der Werkzeugmaschine" ein.