López' Krieger
Wie Deutschland seine Wertschöpfer kannibalisierte
Der Aufbruch
1993 kam José Ignacio López de Arriortúa nach Deutschland. Der Baske hatte bei General Motors eine Revolution angezettelt: Er hatte den Einkauf zur strategischen Waffe gemacht. Nun holte Ferdinand Piëch ihn zu Volkswagen.
López brachte sein Team mit — die "Krieger", wie sie sich selbst nannten. Loyale Einkäufer, die seinen Methoden folgten. GM verklagte VW wegen Industriespionage. Der größte Wirtschaftsskandal der Nachkriegszeit.
Aber der eigentliche Skandal war ein anderer. López hat etwas in Gang gesetzt, das notwendig war — und es auf die falsche Weise getan.
Die verkrustete Deutschland AG
Was López vorfand, war ein System der Bequemlichkeit. Die großen deutschen Konzerne und ihre Zulieferer hatten sich arrangiert. Langjährige Beziehungen, stabile Preise, wenig Wettbewerb. Man kannte sich. Man half sich. Man fragte nicht zu genau nach.
Die "Deutschland AG" — ein Netzwerk aus Aufsichtsratsmandaten, Hausbanken, und gegenseitigen Beteiligungen. Veränderung war nicht vorgesehen. Innovation war lästig. Der Status quo war profitabel — für die, die drin waren.
"Die herrschende Begriffswelt ist die Begriffswelt der Herrschenden."
Dieses System musste aufgebrochen werden. Darin hatte López recht.
Die Methode
López' Methode war einfach: Preisdruck. Radikaler, systematischer, gnadenloser Preisdruck auf die Zulieferer.
Jedes Jahr neue Ausschreibungen. Jedes Jahr niedrigere Zielpreise. Wer nicht mitmachte, flog raus. Wer mitmachte, musste effizienter werden — oder sterben.
Die Zulieferer lernten schnell. Sie rationalisierten. Sie automatisierten. Sie drückten ihre eigenen Kosten — oft auf Kosten ihrer Mitarbeiter, ihrer Qualität, ihrer Entwicklungsabteilungen.
Die Produktivität stieg. Die Preise fielen. Aber wohin flossen die Gewinne?
Die Umverteilungsmaschine
Hier liegt der Kern des Problems. López installierte eine Maschine zur Umverteilung von unten nach oben:
Gewinne privatisiert. Verluste sozialisiert.
Das alte Spiel — aber López hat es industrialisiert.
Die zwei Gnadenlosen
Es hätte anders laufen können. Deutschland hatte in den 90ern zwei gnadenlos durchsetzungsstarke Führungsfiguren in der Automobilindustrie:
López — Der Zerstörer
Brach die verkrusteten Strukturen auf.
Aber durch Auspressen der Schwachen.
Keine konstruktive Vision.
Nur Kostenreduktion.
Piëch — Der Perfektionierer
Gleiche Durchsetzungskraft.
Aber fokussiert auf Spaltmaße.
Optimierung des Bestehenden.
Keine Systeminnovation.
Was fehlte, war ein Dritter — jemand mit der Durchsetzungskraft beider, aber mit einer konstruktiven Vision. Jemand, der nicht nur fragte "Wie drücken wir Kosten?" oder "Wie perfektionieren wir das Alte?", sondern: "Was könnte sein?"
Die baskische Ironie
Die bitterste Ironie: López war Baske. Im Baskenland, keine 200 Kilometer von seinem Geburtsort, existierte seit Jahrzehnten ein anderes Modell.
Mondragón — die größte Kooperative der Welt. Dort bleiben die Produktivitätsgewinne bei denen, die sie schaffen. Keine Saurier, die fressen. Keine Aktionäre, die abschöpfen. Die Arbeiter sind die Eigentümer.
López kannte Mondragón. Jeder Baske kennt Mondragón. Aber er wählte den anderen Weg — den Weg der Ausplünderung statt der Kooperation.
Er hätte die Deutschland AG aufbrechen können, um etwas Besseres zu bauen. Stattdessen brach er sie auf, um die Beute zu verteilen — nach oben.
Die Kollateralschäden
Die Werkzeugmaschinenbauer, die Zulieferer, die kleinen Ingenieurbüros — sie alle wurden zu Opfern dieser Umverteilung. Sie schufen die realen Werte. Sie entwickelten die Prozesse. Sie machten die Innovationen.
Und sie gingen leer aus.
Kein Kapital für eigene Entwicklung. Keine Margen für Experimente. Keine Ressourcen, um Erfindungen vom Prototyp zum Produkt zu bringen. Das Valley of Death wurde tiefer.
Wenn ein Erfinder heute in Deutschland einen Partner sucht, findet er ausgehungerte Mittelständler, die keine Risiken mehr eingehen können — und satte Konzerne, die keine Risiken mehr eingehen wollen.
Die zwei Blockaden
1993 installierte López die ökonomische Ausplünderung. Zwei Jahre später, 1995, beschrieb Prof. Erich Häußer, der ehemalige Präsident des Deutschen Patentamts, das "Kartell der Ignoranz" — die institutionelle Blockade gegen Erfinder.
Zwei Seiten derselben Medaille. Zusammen haben sie das deutsche Innovationssystem erdrosselt.
Häußer warnte 1995: "Wenn es uns nicht gelingt, dieses Kartell der Ignoranz zu durchbrechen, werden wir in absehbarer Zeit wieder ein Niedriglohnland werden." — Dreißig Jahre später ist die Prophezeiung eingetreten.
Die Folgen
Deutschland wurde nicht von außen überholt. Es hat sich selbst ausgehungert — indem es die, die den Wert schaffen, systematisch von den Früchten ihrer Arbeit abschnitt.
Die López-Methode wurde zum Standard. Nicht nur bei VW — überall. Der Einkauf wurde zur wichtigsten Abteilung. Preisdruck wurde zur Kernkompetenz. Innovation wurde zum Kollateralschaden.
Heute sucht Deutschland verzweifelt nach Innovationen. Nach Startups. Nach dem "nächsten großen Ding". Aber das Ökosystem, das Innovationen hervorbringt, wurde systematisch zerstört.
Man kann nicht jahrzehntelang die Wertschöpfer ausplündern und dann erwarten, dass sie weiter Wert schaffen.
Die Alternative
Es hätte einen anderen Weg gegeben. López hätte die Deutschland AG aufbrechen können — nicht um die Gewinne nach oben umzuverteilen, sondern um sie bei denen zu lassen, die sie schaffen.
Das Mondragón-Modell zeigt seit 69 Jahren, dass es funktioniert. Produktivität durch Kooperation statt durch Ausbeutung. Innovation durch Teilhabe statt durch Druck. Stabilität durch verteilten Besitz statt durch konzentrierte Macht.
Aber dieser Weg hätte bedeutet, die Macht der Saurier wirklich zu brechen — nicht nur ihre Bequemlichkeit zu stören, während man ihnen mehr Beute zuschaufelt.
Dafür war López nicht angetreten. Dafür war Piëch nicht bereit. Dafür war Deutschland nicht mutig genug.
Schluss
López verließ VW 1996 unter dem Druck der amerikanischen Klagen. Piëch starb 2019. Die Deutschland AG existiert nicht mehr — nicht weil sie reformiert wurde, sondern weil sie ausgehöhlt wurde.
Was bleibt, ist eine Industrielandschaft, die von ihrer Substanz lebt. Konzerne, die keine Risiken mehr eingehen. Zulieferer, die keine Margen mehr haben. Erfinder, die keine Partner mehr finden.
Und eine ganze Generation, die gelernt hat: Wer Wert schafft, wird bestraft. Wer abschöpft, wird belohnt.
Das ist das wahre Erbe von López' Kriegern.
"Der Krieg ist gewonnen. Die Krieger haben geplündert.
Und das Land, das sie erobert haben, ist verwüstet."
Dieser Essay ist Teil der Serie "Deutschlands Innovationswüste"
Das Material wird in das Buch "Die Himmelsmechanik in der Werkzeugmaschine" einfließen.