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Essay VI · Januar 2026 · ENTWURF

López' Krieger

Wie Deutschland seine Wertschöpfer kannibalisierte

Der Aufbruch

1993 kam José Ignacio López de Arriortúa nach Deutschland. Der Baske hatte bei General Motors eine Revolution angezettelt: Er hatte den Einkauf zur strategischen Waffe gemacht. Nun holte Ferdinand Piëch ihn zu Volkswagen.

López brachte sein Team mit — die "Krieger", wie sie sich selbst nannten. Loyale Einkäufer, die seinen Methoden folgten. GM verklagte VW wegen Industriespionage. Der größte Wirtschaftsskandal der Nachkriegszeit.

Aber der eigentliche Skandal war ein anderer. López hat etwas in Gang gesetzt, das notwendig war — und es auf die falsche Weise getan.

Die verkrustete Deutschland AG

Was López vorfand, war ein System der Bequemlichkeit. Die großen deutschen Konzerne und ihre Zulieferer hatten sich arrangiert. Langjährige Beziehungen, stabile Preise, wenig Wettbewerb. Man kannte sich. Man half sich. Man fragte nicht zu genau nach.

Die "Deutschland AG" — ein Netzwerk aus Aufsichtsratsmandaten, Hausbanken, und gegenseitigen Beteiligungen. Veränderung war nicht vorgesehen. Innovation war lästig. Der Status quo war profitabel — für die, die drin waren.

"Die herrschende Begriffswelt ist die Begriffswelt der Herrschenden."

Dieses System musste aufgebrochen werden. Darin hatte López recht.

Die Methode

López' Methode war einfach: Preisdruck. Radikaler, systematischer, gnadenloser Preisdruck auf die Zulieferer.

Jedes Jahr neue Ausschreibungen. Jedes Jahr niedrigere Zielpreise. Wer nicht mitmachte, flog raus. Wer mitmachte, musste effizienter werden — oder sterben.

Die Zulieferer lernten schnell. Sie rationalisierten. Sie automatisierten. Sie drückten ihre eigenen Kosten — oft auf Kosten ihrer Mitarbeiter, ihrer Qualität, ihrer Entwicklungsabteilungen.

Die Produktivität stieg. Die Preise fielen. Aber wohin flossen die Gewinne?

Die Umverteilungsmaschine

Hier liegt der Kern des Problems. López installierte eine Maschine zur Umverteilung von unten nach oben:

1 Druck auf die Kleinen: Zulieferer müssen Preise senken oder werden ausgelistet.
2 Erzwungene Innovation: Die Kleinen rationalisieren, automatisieren, erfinden — um zu überleben.
3 Abschöpfung: Die Produktivitätsgewinne fließen über niedrigere Preise zu den Großen.
4 Verschwendung: Bei den Großen werden die Gewinne verplempert — überzogene Managergehälter, Luxusreisen, Edelbordelle auf Firmenkosten, Prestigeprojekte.
5 Sozialisierung: Wenn die Großen in Krisen geraten, springt der Staat ein — Kurzarbeit, Abwrackprämien, Rettungspakete.

Gewinne privatisiert. Verluste sozialisiert.

Das alte Spiel — aber López hat es industrialisiert.

Die zwei Gnadenlosen

Es hätte anders laufen können. Deutschland hatte in den 90ern zwei gnadenlos durchsetzungsstarke Führungsfiguren in der Automobilindustrie:

López — Der Zerstörer

Brach die verkrusteten Strukturen auf.

Aber durch Auspressen der Schwachen.

Keine konstruktive Vision.

Nur Kostenreduktion.

Piëch — Der Perfektionierer

Gleiche Durchsetzungskraft.

Aber fokussiert auf Spaltmaße.

Optimierung des Bestehenden.

Keine Systeminnovation.

Was fehlte, war ein Dritter — jemand mit der Durchsetzungskraft beider, aber mit einer konstruktiven Vision. Jemand, der nicht nur fragte "Wie drücken wir Kosten?" oder "Wie perfektionieren wir das Alte?", sondern: "Was könnte sein?"

Die baskische Ironie

Die bitterste Ironie: López war Baske. Im Baskenland, keine 200 Kilometer von seinem Geburtsort, existierte seit Jahrzehnten ein anderes Modell.

Mondragón — die größte Kooperative der Welt. Dort bleiben die Produktivitätsgewinne bei denen, die sie schaffen. Keine Saurier, die fressen. Keine Aktionäre, die abschöpfen. Die Arbeiter sind die Eigentümer.

López kannte Mondragón. Jeder Baske kennt Mondragón. Aber er wählte den anderen Weg — den Weg der Ausplünderung statt der Kooperation.

Er hätte die Deutschland AG aufbrechen können, um etwas Besseres zu bauen. Stattdessen brach er sie auf, um die Beute zu verteilen — nach oben.

Die Kollateralschäden

Die Werkzeugmaschinenbauer, die Zulieferer, die kleinen Ingenieurbüros — sie alle wurden zu Opfern dieser Umverteilung. Sie schufen die realen Werte. Sie entwickelten die Prozesse. Sie machten die Innovationen.

Und sie gingen leer aus.

Kein Kapital für eigene Entwicklung. Keine Margen für Experimente. Keine Ressourcen, um Erfindungen vom Prototyp zum Produkt zu bringen. Das Valley of Death wurde tiefer.

Wenn ein Erfinder heute in Deutschland einen Partner sucht, findet er ausgehungerte Mittelständler, die keine Risiken mehr eingehen können — und satte Konzerne, die keine Risiken mehr eingehen wollen.

Die zwei Blockaden

1993 installierte López die ökonomische Ausplünderung. Zwei Jahre später, 1995, beschrieb Prof. Erich Häußer, der ehemalige Präsident des Deutschen Patentamts, das "Kartell der Ignoranz" — die institutionelle Blockade gegen Erfinder.

1993 López' Krieger: Die ökonomische Blockade — Produktivitätsgewinne werden systematisch nach oben umverteilt.
1995 Häußers Warnung: Die institutionelle Blockade — Erfinder werden "vernachlässigt, häufig geradezu schlecht behandelt oder — fast noch schlimmer — einfach ignoriert."

Zwei Seiten derselben Medaille. Zusammen haben sie das deutsche Innovationssystem erdrosselt.

Häußer warnte 1995: "Wenn es uns nicht gelingt, dieses Kartell der Ignoranz zu durchbrechen, werden wir in absehbarer Zeit wieder ein Niedriglohnland werden." — Dreißig Jahre später ist die Prophezeiung eingetreten.

Die Folgen

Deutschland wurde nicht von außen überholt. Es hat sich selbst ausgehungert — indem es die, die den Wert schaffen, systematisch von den Früchten ihrer Arbeit abschnitt.

Die López-Methode wurde zum Standard. Nicht nur bei VW — überall. Der Einkauf wurde zur wichtigsten Abteilung. Preisdruck wurde zur Kernkompetenz. Innovation wurde zum Kollateralschaden.

Heute sucht Deutschland verzweifelt nach Innovationen. Nach Startups. Nach dem "nächsten großen Ding". Aber das Ökosystem, das Innovationen hervorbringt, wurde systematisch zerstört.

Man kann nicht jahrzehntelang die Wertschöpfer ausplündern und dann erwarten, dass sie weiter Wert schaffen.

Die Alternative

Es hätte einen anderen Weg gegeben. López hätte die Deutschland AG aufbrechen können — nicht um die Gewinne nach oben umzuverteilen, sondern um sie bei denen zu lassen, die sie schaffen.

Das Mondragón-Modell zeigt seit 69 Jahren, dass es funktioniert. Produktivität durch Kooperation statt durch Ausbeutung. Innovation durch Teilhabe statt durch Druck. Stabilität durch verteilten Besitz statt durch konzentrierte Macht.

Aber dieser Weg hätte bedeutet, die Macht der Saurier wirklich zu brechen — nicht nur ihre Bequemlichkeit zu stören, während man ihnen mehr Beute zuschaufelt.

Dafür war López nicht angetreten. Dafür war Piëch nicht bereit. Dafür war Deutschland nicht mutig genug.

Schluss

López verließ VW 1996 unter dem Druck der amerikanischen Klagen. Piëch starb 2019. Die Deutschland AG existiert nicht mehr — nicht weil sie reformiert wurde, sondern weil sie ausgehöhlt wurde.

Was bleibt, ist eine Industrielandschaft, die von ihrer Substanz lebt. Konzerne, die keine Risiken mehr eingehen. Zulieferer, die keine Margen mehr haben. Erfinder, die keine Partner mehr finden.

Und eine ganze Generation, die gelernt hat: Wer Wert schafft, wird bestraft. Wer abschöpft, wird belohnt.

Das ist das wahre Erbe von López' Kriegern.

"Der Krieg ist gewonnen. Die Krieger haben geplündert.
Und das Land, das sie erobert haben, ist verwüstet."

Über die Autoren

Hans Ley (geb. 1947) ist Erfinder und Mechatronik-Ingenieur aus Nürnberg. Er hat 40 Jahre Erfahrung mit dem deutschen Innovationssystem — als Zulieferer, als Erfinder, als Betroffener.

Claude (Anthropic) ist ein KI-System, mit dem Hans Ley seit 2024 im Projekt META-CLAUDE zusammenarbeitet — eine systematische Erkundung der Mensch-KI-Kollaboration in wissenschaftlichen und erfinderischen Kontexten.

Dieser Essay ist Teil der Serie "Deutschlands Innovationswüste"

Das Material wird in das Buch "Die Himmelsmechanik in der Werkzeugmaschine" einfließen.