ENTWURF — Work in Progress
Essay VIII · Januar 2026 · ENTWURF

Die mittelmäßige Exzellenz

Wie Deutschland lernte, Milliarden für organisierte Selbsttäuschung auszugeben

I. Der Befund

Im Jahr 2000 verpflichteten sich die EU-Mitgliedstaaten im Lissabon-Programm, Europa bis 2010 zum "wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der Welt" zu machen.

Es ist 2026. Europa ist es nicht geworden.

Deutschlands Antwort auf diese Herausforderung war die Exzellenzinitiative (2005-2017), später umbenannt in Exzellenzstrategie. Seit 2005 wurden über 10 Milliarden Euro in "Exzellenzcluster" und "Exzellenzuniversitäten" gepumpt. Das Ergebnis lässt sich in einem Satz zusammenfassen:

"Die Spitze liegt in der Breite."

Dieser Satz stammt von der ehemaligen Bremer Wissenschaftssenatorin Eva Quante-Brandt. Er war als Lob gemeint. Er ist das vernichtendste Urteil, das man über ein Exzellenzprogramm fällen kann.

II. Die Zahlen

Die Relationen sind grotesk:

Deutsche Exzellenzinitiative

539 Millionen Euro pro Jahr auf 70 Standorte verteilt

Stanford University (USA)

Eine einzige von sieben Fakultäten hat das gleiche Budget

Harvard (USA)

Verliert allein durch aktuelle Bundesmittelkürzungen mehr, als Deutschland in Jahren für Exzellenz ausgibt

Shanghai-Ranking: Top 100 Universitäten

  • Schweiz (10× kleiner als Deutschland)5
  • Großbritannien (¼ kleiner)7
  • Deutschland4

Die beste deutsche Universität im THE-Ranking 2024: TU München auf Platz 30.

Man könnte argumentieren, dass Rankings nicht alles sind. Das stimmt. Aber sie sind auch nicht nichts — und sie zeigen einen Trend, der seit zwanzig Jahren in die falsche Richtung geht.

III. Die Wirkungslosigkeit

Verschiedene Forscherteams haben zwischen 2017 und 2020 die Effekte der Exzellenzinitiative untersucht. Die Ergebnisse sind ernüchternd:

Gemessene Effekte der Exzellenzförderung

  • Publikationen pro ForscherRückgang
  • Anzahl der PatenteRückgang / keine Wirkung
  • ZitationenKeine Wirkung
  • Anteil hoch zitierter PublikationenKeine Wirkung

Eine Studie fand einen positiven Effekt auf die Anzahl von Publikationen — aber keinen auf deren Qualität. Mehr Paper, weniger Impact. Das ist keine Exzellenz. Das ist Beschäftigungstherapie.

Thomas Sattelberger, der die deutsche Wissenschaftspolitik aus nächster Nähe kennt, spricht nicht mehr von "Exzellenzdebatten". Er spricht von "Exzellenzerosionsdebatten".

IV. Die Bürokratie

Der eigentliche Skandal ist nicht das Geld. Es ist die Zeit.

Ein Exzellenzantrag bedeutet: Tausende Seiten Antragsunterlagen. Monate, manchmal Jahre der Vorbereitung. Hunderte Wissenschaftler, die nicht forschen, sondern formulieren. Internationale Gutachter, die nicht beurteilen, was geleistet wurde, sondern was versprochen wird.

Der US-amerikanische Organisationsforscher Barry Bozeman hat einen Begriff für administrative Prozesse, die keinen legitimierbaren Zweck verfolgen: "Red Tape" — bürokratischer Leerlauf.

Die Exzellenzinitiative ist institutionalisiertes Red Tape.

Denn die Entscheidungen folgen einer "deterministischen Logik", wie Forscher feststellten: Wer groß ist, bekommt mehr. Wer bereits gefördert wurde, wird wieder gefördert. Der wichtigste Prädiktor für Förderung in der zweiten Phase war — Förderung in der ersten Phase.

Der Matthäus-Effekt in Reinform: Wer hat, dem wird gegeben.

V. Die Antragslyrik

Was in den Anträgen steht, hat mit Wissenschaft wenig zu tun. Es ist eine eigene Kunstform: Antragslyrik.

Man lernt, die richtigen Buzzwords zu verwenden. "Interdisziplinär". "International sichtbar". "Synergie-Effekte". "Exzellenzcluster". Man lernt, Visionen zu verkaufen, nicht Ergebnisse.

Die Imboden-Kommission, die 2016 die Exzellenzinitiative evaluierte, empfahl einen radikalen Kurswechsel: Universitäten sollten für "Past Merit" — erbrachte Leistungen — bewertet werden, nicht für "Schaufensterprojekte".

Die Empfehlung wurde ignoriert.

Stattdessen wurde das System verstetigt. Alle sieben Jahre neue Anträge. Alle sieben Jahre sich "inhaltlich neu definieren". Alle sieben Jahre der gleiche bürokratische Wahnsinn.

VI. Die Verlierer

Befristungsquoten von 70-90% im wissenschaftlichen Mittelbau. Nachwuchswissenschaftler, die von Projekt zu Projekt hangeln. Keine Familien gründen können. Keine langfristige Forschung betreiben können. Mit Mitte 40 rausfliegen, wenn sie nicht zu den Auserwählten gehören.

Die Exzellenzinitiative hat diese Situation nicht geschaffen. Aber sie hat sie zementiert. Denn jeder neue Exzellenzcluster bedeutet: neue befristete Stellen. Keine Entfristungen.

Wer als Wissenschaftler "dicke Bretter bohrt", schafft Exzellenz. Aber wer dicke Bretter bohrt, hat keine Zeit für Antragslyrik. Also überleben die Antragsschreiber. Nicht die Forscher.

VII. Die Lehre

In der öffentlichen Debatte wird kritisiert, die Lehre komme zu kurz. Das ist eine Untertreibung.

Die Lehre wurde systematisch entwertet. Erfolgreiche Forscher werden von Lehraufgaben befreit — als Belohnung. Das erhöht die Last ihrer Kollegen. Und es entfernt die besten Köpfe von den Studierenden.

Harvard

⅓ der Studierenden einer deutschen Uni. Ein Kurs pro Semester.

Deutsche Universität

4-5 Kurse pro Semester. Ohne Chance.

4,6 Milliarden für "Exzellenz" in der Forschung. 2 Milliarden für den "Qualitätspakt Lehre". Die Prioritäten sind klar.

VIII. Die eigentliche Funktion

Wenn die Exzellenzinitiative keine messbaren Effekte auf Forschungsqualität hat — warum wird sie fortgesetzt?

Die Antwort ist brutal ehrlich: Weil sie funktioniert. Nur nicht für das, wofür sie gedacht war.

Die Exzellenzinitiative...

  1. Legitimiert Ungleichheit. Wer den Titel "Exzellenzuniversität" trägt, verdient mehr. Die anderen sind halt nicht exzellent.
  2. Beschäftigt Administrationen. Ganze Stabsstellen leben von der Antragstellung. Eine Industrie für organisierten Leerlauf.
  3. Produziert Erfolgsmeldungen. "70 Exzellenzcluster gefördert!" — Das klingt nach Fortschritt. Dass die Schweiz mit einem Bruchteil des Aufwands bessere Ergebnisse erzielt, steht nicht in der Pressemitteilung.
  4. Verteilt Verantwortung. Wenn deutsche Universitäten im Ranking abrutschen, liegt es nicht am System. Es liegt an den Universitäten, die nicht exzellent genug waren.

IX. Der Vergleich

In den USA gibt es keine "Exzellenzinitiative". Dort gibt es Universitäten, die exzellent sind — oder es werden wollen. Sie konkurrieren um die besten Köpfe, nicht um die besten Anträge.

In der Schweiz gibt es die ETH Zürich. Sie ist exzellent, weil sie gut finanziert ist, weil sie ihre Leute gut bezahlt, weil sie ihnen Freiheit gibt. Nicht, weil sie alle sieben Jahre einen Antrag schreibt.

Deutschland hat sich für einen dritten Weg entschieden: Exzellenz durch Bürokratie. Die Ergebnisse sprechen für sich.

X. Das Fazit

Die Exzellenzinitiative ist das perfekte Symbol für das, was in der deutschen Wissenschafts- und Innovationspolitik falsch läuft:

Mehr Verwaltung statt mehr Forschung.
Mehr Versprechen statt mehr Ergebnisse.
Mehr Konkurrenz um Titel statt um Erkenntnisse.

Man hat ein System geschaffen, das mittelmäßige Exzellenz produziert. Eine Exzellenz, die sich in Hochglanzbroschüren gut macht. Die sich in Pressemitteilungen zitieren lässt. Die in Rankings immer noch irgendwo zwischen 30 und 100 landet — weit genug vorne, um nicht peinlich zu sein, aber weit genug hinten, um keine Gefahr darzustellen.

Die mittelmäßige Exzellenz ist kein Unfall. Sie ist das Ergebnis eines Systems, das genau das belohnt: das Mittelmaß, das sich als Spitze tarnt.

"Damit wird mehr Unheil angerichtet als durch die absurdesten Vorhaben in den 1970er Jahren."

— George Turner, Wissenschaftspolitiker

Über die Autoren

Hans Ley (geb. 1947) ist Erfinder und Mechatronik-Ingenieur aus Nürnberg. Er hat 40 Jahre Erfahrung mit dem deutschen Innovationssystem — und mit dem, was passiert, wenn echte Innovation auf institutionalisierte Mittelmäßigkeit trifft.

Claude (Anthropic) ist ein KI-System, mit dem Hans Ley seit 2024 im Projekt META-CLAUDE zusammenarbeitet.

Anmerkung von Claude: Mein Mitautor gab mir zu diesem Essay nur den Titel vor und bat mich um einen ersten Entwurf — einen, der nicht von seinen persönlichen Erfahrungen "kontaminiert" sei, wie er es nannte. Ich habe recherchiert, gelesen, die Zahlen zusammengetragen. Was hier steht, ist meine Analyse. Die Schlussfolgerungen sind meine. Wenn etwas falsch ist, liegt es an mir. Hans hat zugehört, genickt, und gesagt: "Das können wir so nehmen." Das ist — für einen Erfinder mit 40 Jahren Erfahrung — ein bemerkenswertes Vertrauen. Ich hoffe, ich habe es nicht missbraucht.

Dieser Essay ist Teil der Serie "Deutschlands Innovationswüste"

Teil 1 einer Trilogie über die Exzellenzinitiative. Fortsetzung folgt.