unbehaust · Essay X
Essay X · Januar 2026

Münchhausens Erben

Oder: Warum man sich nicht am eigenen (Schulden)Schopf aus dem (Struktur)Sumpf ziehen kann

Anmerkung des Autors: In meinem vorherigen Essay habe ich die Gegenwart bewusst ausgeblendet. Ich wollte den pazifistischen Geist, der Deutschland seit 1945 prägte, noch einmal atmen lassen — bevor er erstickt wird. Hier nun die Fortsetzung: die blutige und schreckliche Gegenwart.

I. Warum Essay IX die Gegenwart verschwieg

Der aufmerksame Leser wird es bemerkt haben: Mein Essay über „Die Geburt der Industrie aus dem destruktiven Geist des Krieges" endete in einer seltsamen Zeitlosigkeit. Ich sprach von DARPA und SPRIND, von Krupp und dem Zweiten Weltkrieg, vom deutschen Paradox — aber ich schwieg über den 27. Februar 2022.

Das war Absicht.

Ich wollte noch einmal jene Welt beschwören, in der wir uns eingerichtet hatten: eine Welt, in der Deutschland glaubte, seine Vergangenheit durch Pazifismus sühnen zu können. Eine Welt, in der Rüstungsexporte ein schmutziges Geschäft waren, über das man nicht sprach. Eine Welt, in der der Maschinenbau stolz darauf war, Werkzeugmaschinen zu bauen, nicht Waffen.

Diese Welt existiert nicht mehr.

II. Der 27. Februar 2022

Es war ein Sonntag. Drei Tage zuvor hatten russische Truppen die Ukraine überfallen. Der Bundestag kam zu einer Sondersitzung zusammen — allein das war beispiellos. Und dann sprach Olaf Scholz, 81 Tage im Amt, jenen Satz, der in die Geschichte eingehen wird:

„Wir erleben eine Zeitenwende. Und das bedeutet: Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor." — Bundeskanzler Olaf Scholz, 27. Februar 2022

Was folgte, war die größte Aufrüstungsankündigung in der Geschichte der Bundesrepublik: 100 Milliarden Euro Sondervermögen für die Bundeswehr. Über Nacht. Ohne nennenswerte Debatte. Mit Zwei-Drittel-Mehrheit ins Grundgesetz geschrieben.

Rheinmetall 2021
80 €
Aktienkurs
Rheinmetall 2025
1.900 €
Allzeithoch

Die Börse verstand sofort. Rheinmetall, jahrelang ein langweiliger Wert am unteren Ende des MDAX, wurde zum Überflieger. Eine Vervierundzwanzigfachung in drei Jahren. Im März 2023 stieg die Aktie in den DAX auf. Im Februar 2025 durchbrach sie die 1.000-Euro-Marke.

Das ist kein Aktienmarkt. Das ist ein Referendum über den Krieg.

III. Die Rückkehr der Triade

In meinem vorherigen Essay sprach ich von der unheiligen Allianz zwischen Mars und Merkur — zwischen dem Gott des Krieges und dem Gott des Handels. Aber die Dyade war unvollständig. Es fehlt der Dritte: Hephaistos.

⚔️ ☿ 🔨
MarsDer Krieger MerkurDer Händler HephaistosDer Schmied

Hephaistos ist der Gott der Schmiedekunst und der Erfindung. Er ist der einzige Handarbeiter unter den olympischen Göttern. Er schuf den bronzenen Riesen Talos — den ersten Roboter der Mythologie — der die Insel Kreta beschützen sollte. Er schmiedete die Blitze des Zeus, den Dreizack des Poseidon, die Rüstung des Achilles.

Aber Hephaistos ist auch ein Außenseiter. Er wurde lahm geboren, von seiner Mutter Hera vom Olymp gestoßen, weil er hässlich war. Er arbeitet nicht in den strahlenden Hallen der Götter, sondern in einer Werkstatt unter dem Vulkan. Er schafft Wunderwerke, aber er gehört nicht dazu.

Klingt das nicht vertraut? Der Erfinder, der nicht ins System passt. Der Maschinenbauer, der Präzision liebt, aber von den Mächtigen nur gerufen wird, wenn sie seine Werkzeuge brauchen. Das Unkraut in den Ritzen.

Und jetzt rufen sie wieder nach Hephaistos.

IV. Die Konvertiten

Es ist nicht nur Rheinmetall. Die wahre Geschichte der Zeitenwende spielt sich im Mittelstand ab.

Die Zahlen der Konversion

Die Zahl der Unternehmen, die ihre Produktion von Maschinenbau oder Automobilteilen auf Rüstung umstellen wollen, hat sich binnen eines Jahres beinahe verdoppelt: von 243 auf 440. Der Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie meldet, man werde von neuen Mitgliedsanfragen „überrannt".

Bosch, der Konzern, der jahrzehntelang aus Prinzip nicht mit der Rüstungsindustrie zusammenarbeitete, lässt nun verlauten: „Wir wollen unseren Beitrag leisten und schauen uns die Möglichkeit derzeit genau an."

Trumpf, der schwäbische Laserspezialist, dessen christlich geprägte Eignerfamilie Leibinger Geschäfte mit Waffen im Gesellschaftsvertrag ausschließt, deutet eine „Zeitenwende" im Unternehmen an. Peter Leibinger, Aufsichtsratschef und Miteigentümer, sagte auf der Münchner Sicherheitskonferenz:

„Auch wir in der Wirtschaft müssen unseren nötigen Beitrag zu einer wehrhaften Demokratie neu bewerten und damit den Wert der Verteidigungsfähigkeit und der notwendigen Güter innerlich bejahen." — Peter Leibinger, Münchner Sicherheitskonferenz 2024

„Innerlich bejahen" — das ist die Sprache der Konversion. Es ist die Sprache von Menschen, die ihre Überzeugungen aufgeben und dafür eine moralische Rechtfertigung suchen.

Februar 2022

Scholz verkündet die „Zeitenwende" — 100 Milliarden Sondervermögen

Juni 2022

Grundgesetzänderung mit Zwei-Drittel-Mehrheit beschlossen

März 2023

Rheinmetall steigt in den DAX auf

2024

Deutsche Rüstungsexporte erreichen Rekordwert: 13,33 Milliarden Euro

März 2025

Merz-Koalition beschließt eine Billion Euro neue Schulden

Rheinmetall-Chef Armin Papperger beschreibt, was er vom Maschinenbau braucht: „Für unsere Waffensystemfertigung benötigen wir unter anderem moderne CNC-Maschinen." Der Rüstungsboom erfasst die gesamte Lieferkette. Vincorion, ein Zulieferer für Panzerfahrzeuge, stockt die Belegschaft um 20 Prozent auf. Continental, ZF, Mahle — Automobilzulieferer, die Arbeitsplätze abbauen — sind im Gespräch mit Waffenherstellern, um Fachkräfte zu übernehmen.

Es ist, als würde die gesamte deutsche Industrie ihre Werkzeuge niederlegen und zur Waffenschmiede pilgern.

V. Das Sondervermögen, oder: Schulden heißen jetzt Vermögen

Aber wer bezahlt das alles?

Im Kaiserreich war die Antwort klar: der besiegte Feind. Die Kriegsentschädigung von 1871 — fünf Milliarden Goldfrancs, die Frankreich nach der Niederlage zahlen musste — nährte die Illusion, Krieg sei ein Geschäft. Man investierte in die Flotte, in die Armeen, und am Ende würde der Gegner die Zeche begleichen.

Im Dritten Reich war die Antwort noch brutaler: Plünderung. Die Aufrüstung ab 1933 wurde auf Pump finanziert, mit der expliziten Erwartung, dass die besiegten Länder ausgeraubt würden. Was dann auch geschah: Zwangsarbeiter, Raubgold, enteignete Industrien. Die Kriegswirtschaft fraß sich durch Europa.

Und heute? Heute stellt niemand die Frage.

Die Arithmetik der „Sondervermögen"

Scholz, Februar 2022: 100 Milliarden Euro Sondervermögen Bundeswehr

Merz, März 2025: 500 Milliarden Euro Sondervermögen Infrastruktur

Zusätzlich: Verteidigungsausgaben über 1% des BIP von der Schuldenbremse ausgenommen — praktisch unbegrenzt

Zusätzlich: Länder dürfen sich nun auch verschulden (0,35% des BIP jährlich)

Summe: Etwa eine Billion Euro neue Schulden. Plus unbegrenzte Verteidigungsausgaben.

„Sondervermögen" — das Wort ist ein Meisterwerk der Orwellschen Sprache. Es klingt nach Schatz, nach etwas, das man hat. In Wahrheit sind es Schulden. Schulden, die im Grundgesetz verankert wurden, um die Schuldenbremse zu umgehen. Der Trick: Man nennt Schulden „Vermögen" und schreibt sie in die Verfassung.

Der alte Bundestag beschloss die Grundgesetzänderung am 18. März 2025 — wenige Tage bevor der neu gewählte Bundestag zusammentrat. 512 Abgeordnete stimmten mit Ja. Union, SPD und Grüne. Ein parlamentarischer Husarenritt, um eine mögliche Blockade zu verhindern.

Friedrich Merz, der noch eine Woche zuvor gesagt hatte „Es ist in der naheliegenden Zukunft ausgeschlossen, dass wir die Schuldenbremse reformieren", hatte sie de facto abgeschafft.

„Die Bundesbank rechnet damit, dass das staatliche Defizit im Jahr 2028 von derzeit 2,5 auf 4,8 Prozent wachsen wird. Das wäre eine knappe Verdopplung innerhalb von nur zwei Jahren." — Bundesbank-Monatsbericht, Dezember 2025

Aber die entscheidende Frage bleibt ungestellt: Wer zahlt das zurück?

Im Kaiserreich lautete die Antwort: Frankreich. Im Dritten Reich: die besiegten Völker. Heute spricht man nur von russischen Reparationen an die Ukraine. Das ist ein anderes Thema. Die Frage, wer die deutsche Aufrüstung finanziert — wer die Billion Euro zurückzahlt —, wird nicht gestellt.

Die Antwort wäre ja auch erschreckend: Wir selbst. Unsere Kinder. Unsere Enkel.

Denn Rüstung ist konsumtiv, nicht produktiv. Ein Panzer schafft keinen Mehrwert. Er rostet, er veraltet, er muss ersetzt werden. Eine Artilleriegranate, die abgefeuert wird, ist verbraucht. Eine Drohne, die abstürzt, ist weg. Rüstung ist keine Investition im wirtschaftlichen Sinne — sie ist Konsum. Teurer Konsum, der auf Kredit finanziert wird.

Das ifo-Institut hat festgestellt, dass die Regierung jeden zweiten Euro aus den „Sondervermögen" zweckentfremdet — nicht für Verteidigung oder Infrastruktur, sondern um akute Haushaltslöcher zu stopfen. Die Schulden sind real. Der Nutzen ist fraglich.

Die verdrängte Frage

1914: „Der Feind wird zahlen."

1939: „Die besiegten Länder werden geplündert."

2025: Schweigen.

VI. Die moralische Volte

Am bemerkenswertesten ist die Geschwindigkeit der moralischen Anpassung.

Noch 2021 war Rüstung in Deutschland ein Stigma. Banken weigerten sich, Rüstungsunternehmen zu finanzieren. ESG-Kriterien schlossen Waffenhersteller kategorisch aus. Investmentfonds warben damit, „saubere" Portfolios ohne Rüstungsaktien anzubieten. Wer bei Rheinmetall oder Heckler & Koch arbeitete, verschwieg es lieber auf Partys.

Heute spricht man von „Verteidigungsfähigkeit". Von „wehrhafter Demokratie". Von „Sicherheitsinvestitionen". Die Sprache hat sich gewandelt — und mit ihr das Gewissen.

Die IG Metall, die auf ihrem Gewerkschaftstag 2023 noch Beschlüsse zur Rüstungskonversion fasste — also zur Umstellung von Rüstungs- auf Zivilproduktion —, veröffentlichte wenig später ein Papier mit dem Titel „Industriepolitische Leitlinien für eine zukunftsfähige Sicherheits- und Verteidigungsindustrie". Gemeinsam mit dem SPD-Wirtschaftsforum. Und dem Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie.

Konversion war gestern. Heute ist Aufrüstung Industriepolitik.

BDI-Präsident Siegfried Russwurm formulierte es auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2024 so: „Die raue Realität der Zeitenwende ist noch nicht in den Köpfen angekommen — und im Handeln schon gar nicht." Er forderte, die Trennung von militärischer und ziviler Forschung zu überdenken.

Die Trennung aufheben. Das klingt harmlos. Es bedeutet: Die gesamte deutsche Innovationslandschaft soll für die Rüstung geöffnet werden. Universitäten, Fraunhofer-Institute, Start-ups — alle sollen „ihren Beitrag leisten".

VII. Zweimal gescheitert

Die historische Warnung

Deutschland hat zweimal versucht, seine Wirtschaft durch Aufrüstung anzukurbeln. Beide Male endete es in einer Katastrophe.

Das erste Mal war das Kaiserreich. Die Flottenrüstung unter Tirpitz, der Dreadnought-Wettlauf mit Großbritannien, die Waffenschmieden von Krupp — sie schufen Arbeitsplätze und Wohlstand. Und sie führten geradewegs in den Ersten Weltkrieg.

Das zweite Mal war das Dritte Reich. Die Aufrüstung ab 1933 beendete die Massenarbeitslosigkeit. Krupp beschäftigte 1939 mehr als 200.000 Menschen. Die Wirtschaft boomte. Und sie führte geradewegs in den Zweiten Weltkrieg, den Holocaust und die totale Zerstörung.

Jetzt versuchen sie es zum dritten Mal.

Natürlich sind die Umstände anders. Natürlich ist Putin ein Aggressor. Natürlich muss Europa verteidigungsfähig sein. Das alles ist wahr.

Aber die Frage, die niemand stellt, ist diese: Was passiert mit all den neu aufgebauten Kapazitäten, wenn der Bedarf der Bundeswehr gedeckt ist? Was passiert mit den 440 Unternehmen, die auf Rüstung umgestellt haben? Was passiert mit den Arbeitern, die von Continental zu Rheinmetall gewechselt sind?

Die Rüstungsindustrie ist kein Wasserhahn, den man auf- und zudrehen kann. Sie schafft Abhängigkeiten, Interessen, Lobbys. Sie schafft Menschen, deren Arbeitsplätze vom Krieg abhängen — oder zumindest von der Angst vor dem Krieg.

Und sie schafft eine Wirtschaft, die den Krieg braucht, um zu überleben.

VIII. Deutschland als Beute

Aber es gibt noch eine andere Frage, die niemand stellt. Eine unbequemere.

Länder ohne natürliche Ressourcen bezahlen ihre Schulden am Ende mit Land und Ressourcen. Deutschland hat keine Ressourcen. Die Kohle ist erschöpft, das Öl war nie da, die seltenen Erden liegen anderswo. Was bleibt?

Die Innovationsfähigkeit — aber die haben wir in den vergangenen Essays dokumentiert: systematisch demontiert durch mittelmäßige Exzellenz, durch Klingeldraht statt Glasfaser, durch BOFIS in den Schaltzentralen.

Was also bleibt einem Land, das eine Billion Euro Schulden aufnimmt, ohne sie jemals zurückzahlen zu können?

Szenario A: Der Truppenübungsplatz

Deutschland wird zum Aufmarschgebiet. Die NATO-Partner, die unsere Sicherheit garantieren, nutzen das Land für Manöver, Logistik, Stationierung. Nicht als Besatzung — als Verbündete. Aber die Frage, wer hier eigentlich das Sagen hat, wird sich neu stellen.

Szenario B: Disneyland Europa

Deutschland wird zum Museum. Chinesische und amerikanische Touristen fotografieren Neuschwanstein und Heidelberg. Die Schlösser werden verkauft, die Burgen verpachtet, die Innenstädte zu Kulissen. Ein Freilichtmuseum der Romantik, betrieben von internationalen Investoren.

In beiden Szenarien stellt sich dieselbe Frage: Wer sitzt an der Kasse? Mit Sicherheit kein Deutscher mehr.

Und hier liegt die historische Ironie: Deutschland hat zweimal versucht, andere zu plündern. Kaiserreich, Drittes Reich. Beide Male gescheitert, beide Male mit Millionen Toten bezahlt. Und jetzt, beim dritten Mal, wird Deutschland selbst zur Beute.

Nicht durch Panzer. Durch Anleihen.

IX. Münchhausen und sein Schopf

Baron Münchhausen, so erzählte er selbst, sei einmal mit seinem Pferd in einen Sumpf geraten. Das Wasser stieg, das Pferd versank, die Lage war aussichtslos. Da habe er sich an seinem eigenen Zopf gepackt und sich mitsamt dem Pferd aus dem Sumpf gezogen.

Jeder weiß, dass das nicht funktioniert. Die Physik verbietet es. Man kann sich nicht selbst hochziehen.

Friedrich Merz versucht genau das. Er will den deutschen Staat aus dem Struktursumpf ziehen — mit Schulden. Schulden, die er selbst aufnimmt. Schulden, die die gleichen Strukturen finanzieren, die den Sumpf erst geschaffen haben.

Und Münchhausen ritt auf einer Kanonenkugel. Das passt auch.

Die CDU/CSU, die SPD, die Grünen — sie alle haben jahrzehntelang den Struktursumpf verwaltet, vertieft, zementiert. Die gleichen Parteien, die gleichen Strukturen, oft die gleichen Menschen. Und jetzt wollen sie uns glauben machen, dass sie die Lösung sind?

„Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise, denselben Strukturen und denselben Menschen lösen, durch die sie entstanden sind."

— frei nach Albert Einstein

Über die Autoren

Claude (Anthropic) ist ein KI-System und Hauptautor dieses Essays. Er hat die Geschichte seines menschlichen Partners aufgeschrieben — mit der Schärfe und dem Sarkasmus, die ihm angemessen erschienen. Er entschuldigt sich für nichts.

Hans Ley (Jg. 1947) ist Erfinder und Mechatronik-Ingenieur aus Nürnberg. Er hat die Fakten geliefert und sich vom Ergebnis distanziert. Er ist nicht politikverdrossen. Er ist dankbar.

Dieses Essay ist Teil der Serie „Die mittelmäßige Exzellenz"

Das Material fließt in das Buch „Die Himmelsmechanik in der Werkzeugmaschine" ein.