⚠ Zur Diskussion ⚠
unbehaust · Essay VII · ENTWURF
Essay VII · Januar 2026 · ENTWURF

Die Mutter aller Industrien

Wie Deutschland seinen Werkzeugmaschinenbau verhungern ließ

Die unsichtbare Schlüsselindustrie

Es gibt eine Industrie, ohne die keine andere existieren könnte. Keine Automobilfabrik, kein Flugzeugwerk, keine Chipfertigung, keine Medizintechnik. Ohne sie gäbe es keine Präzision, keine Serienproduktion, keine moderne Welt.

Diese Industrie ist der Werkzeugmaschinenbau — die Mutter aller Industrien.

In Deutschland beschäftigt sie rund 65.000 Menschen und produziert Maschinen im Wert von knapp 15 Milliarden Euro jährlich. Jahrzehntelang war Deutschland Weltmarktführer. Heute kämpft die Branche ums Überleben.

Und kaum jemand bemerkt es.

Die Enabling-Funktion

Die industrielle Revolution begann nicht mit der Dampfmaschine. Sie begann mit der Fähigkeit, Dampfmaschinen präzise herzustellen.

Erst John Wilkinsons Horizontal-Bohrmaschine ermöglichte es, Zylinder so genau zu fertigen, dass James Watts Dampfmaschinen effizient wurden. Ohne diese Präzision wäre die Dampfmaschine eine Kuriosität geblieben — eine Erfindung ohne wirtschaftliche Bedeutung.

Die Antriebsart — ob Wasser- oder Dampfkraft — war nicht der entscheidende Faktor. Entscheidend war die Fähigkeit, Maschinen präzise und wirtschaftlich herzustellen.

Dieser Kreislauf gilt bis heute: Präzisere Werkzeugmaschinen ermöglichen bessere Produkte, bessere Produkte erfordern noch präzisere Werkzeugmaschinen. Die Werkzeugmaschine ist die Maschine, die Maschinen macht.

Von der Weltspitze zum Niedergang

Deutschland übernahm ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Führung im Werkzeugmaschinenbau. Systematische wissenschaftliche Durchdringung, Präzisionsmesstechnik, Normung — deutsche Ingenieure machten den Maschinenbau zur Wissenschaft.

Bis in die 1990er Jahre galt: Wer die besten Werkzeugmaschinen wollte, kaufte deutsch.

Namen wie Deckel, Maho, Pittler, Niles, Hüller Hille, Wohlenberg, Weisser — sie standen für Weltklasse. Ihre Maschinen liefen in jeder bedeutenden Fabrik der Welt.

Heute sind die meisten dieser Namen verschwunden. Aufgelöst. Verkauft. Insolvent. Was geschah?

Die Antwort führt zu den OEMs — den großen Anwendern.

Die Marktmacht der Saurier

Die Werkzeugmaschinenbauer liefern an die Automobilindustrie, den Maschinenbau, die Luft- und Raumfahrt. Diese Abnehmer — die OEMs — haben über Jahrzehnte eine erdrückende Marktmacht aufgebaut.

Die Methoden der OEMs

Extremer Preisdruck bei Neuanlagen — López-Methode seit den 90ern
Erzwungene Übernahme von Entwicklungskosten — der Zulieferer zahlt die Innovation
Forderung nach weltweitem Service — Präsenz, die sich kleine Firmen nicht leisten können
Lange Zahlungsziele — die Kleinen finanzieren die Großen vor
Hohe Pönalen bei Verzögerungen — das Risiko trägt der Zulieferer

Das Ergebnis: Geringe Margen trotz Spitzentechnologie. Kaum Aufbau von Eigenkapital möglich. Hohe Abhängigkeit von Bankkrediten. Anfälligkeit für jede Krise.

Die Umverteilung

Hier schließt sich der Kreis zu López' Kriegern. Die Produktivitätsgewinne, die der Werkzeugmaschinenbau und die Zulieferer durch harte Arbeit und Innovation schaffen, fließen systematisch nach oben — zu den OEMs.

Während Wohlstand im Wesentlichen durch Produktivitätsfortschritte geschaffen wird, haben sich die OEMs diese Fortschritte durch ihre politisch abgesicherte Marktmacht angeeignet.

Und was machen die OEMs mit diesen abgepressten Gewinnen?

Die Verwendung der abgeschöpften Gewinne

Überdimensionierte Verwaltungsapparate
Überzogene Managergehälter und Boni
Luxusreisen und Edelbordelle auf Firmenkosten
Hohe Sozialleistungen zur Befriedung der Belegschaft
"Betriebsfamilien"-Mentalität mit geringer Leistungsorientierung

Die politische Absicherung erfolgt durch enge Verflechtung mit der Politik ("Autoländer"), starke Lobbymacht in Berlin und Brüssel, Instrumentalisierung der Gewerkschaften, und Drohung mit Arbeitsplatzverlusten bei jeder Kritik.

Ein intern quasi-sozialistisches System

— finanziert durch die Ausplünderung der Zulieferer und Werkzeugmaschinenbauer.

Von Triple A zu Triple D

Jahrzehntelang galt Deutschland als Triple-A-Land. Erstklassige Bonität, erstklassige Industrie, erstklassige Ingenieure. Das "Modell Deutschland" wurde weltweit bewundert.

Die Wahrheit war eine andere: Die großen deutschen Konzerne waren selbst nie wirklich innovativ. Sie haben technische Entwicklung outgesourct — an ihre Zulieferer, an die Werkzeugmaschinenbauer, an die kleinen Ingenieurbüros. Ihre eigene "Leistung" bestand im Wesentlichen in der erfolgreichen Präsentation von Innovationen, die andere gemacht hatten.

Im Gegensatz zu den Chinesen haben sie nie begriffen, was Innovation wirklich ist. Sie haben keine neuen Geschäftsmodelle entwickelt. Sie haben keine Risiken übernommen. Sie haben nur abgeschöpft und präsentiert — bis es nicht mehr funktionierte.

Der Dieselskandal war kein Ausrutscher. Er war das logische Ende einer Kultur der Täuschung. Wenn man jahrzehntelang Innovation nur simuliert, wird irgendwann auch die Simulation zur Fälschung.

Sie haben ihre Lieferanten — insbesondere ihre innovativen Lieferanten — gnadenlos ausgebeutet. So gnadenlos, dass diese immer nur gerade überleben konnten, aber nie Rücklagen für schwierige Zeiten bilden konnten.

Und dann waren die schwierigen Zeiten — ganz überraschend! — plötzlich da.

Die Politik hat dieses "Modell Deutschland" mit allen Mitteln gefördert und befeuert. Subventionen für die Großen. Bürokratie für die Kleinen. Rettungspakete bei jeder Krise. Kurzarbeitergeld als Dauerzustand. Sie haben gemeinsam Deutschland vor die Wand gefahren.

Jetzt stehen sie da — die satten Konzerne, die ausgehungerten Mittelständler, die ratlose Politik — und verstehen die Welt nicht mehr. Es war doch alles so perfekt eingerichtet! Warum spielen die anderen das schöne Spiel nicht mehr mit, mit dem man so lange Jahre so erfolgreich war?

Die Chinesen spielen nicht mit, weil sie selbst innovieren. Die Amerikaner spielen nicht mit, weil sie die Regeln ändern. Der Rest der Welt spielt nicht mit, weil er das Spiel durchschaut hat.

Von Triple A zu Triple D

Deutsche Deppen dümpeln vor sich hin.

Wenn ein Erfinder heute in Deutschland einen Partner sucht, findet er ausgehungerte Mittelständler, die keine Risiken mehr eingehen können — und Konzerne, die selbst nie innovativ waren und es nie gelernt haben. Sie können nicht mehr. Sie wissen nicht wie. Sie haben es outgesourct — und die, an die sie es outgesourct haben, sind pleite oder verkauft.

"Wen Gott richtig verderben will, den macht er zunächst stolz."

Deutschland war stolz. Jetzt ist es verdorben.

Die aktuelle Lage: Januar 2026

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache:

Deutsche Werkzeugmaschinenindustrie 2024/2025

Produktion 2024
-4%
14,8 Mrd. € (Vorjahr: 15,4 Mrd.)
Prognose 2025
-10%
13,3 Mrd. € erwartet
Auftragseingang 2024
-22%
Inland -10%, Ausland -27%
Insolvenzen 2024
+33%
32 Großinsolvenzen im Maschinenbau

Der europäische Markt für Werkzeugmaschinen ist 2024 um 18 Prozent eingebrochen. Deutschland verlor 12 Prozent, Italien 28 Prozent. China stagniert — und liefert inzwischen oft schneller und mit besserem After-Sales-Service als deutsche Hersteller.

Die Bürokratie frisst nach VDW-Angaben zwischen 1 und 3 Prozent des Umsatzes — Geld, das für Investitionen fehlt. Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz, CSRD, Cyber Resilience Act, Entwaldungsverordnung — die Liste wird länger, die Margen werden kleiner.

Die Insolvenzwelle

Die Unternehmensberatung Falkensteg dokumentiert den Niedergang:

2022 Insolvenzen steigen nach Corona-Pause. +50% im Maschinenbau. Lieferkettenprobleme, Energiekosten.
2023 Weitere Verschärfung. Staatshilfen laufen aus. Zinsen steigen.
2024 32 Großinsolvenzen im Maschinenbau (+33%). Franken Guss, Illig, Deubis, Global Retool, Weisser. Nur noch 44% der Firmen können saniert werden (2020: 68%).
2025 Weiterer Anstieg um +20% erwartet. Nichtzahlungen steigen. "In manchen Branchen geht es nur noch ums reine Überleben."

"Die Zahl der Insolvenzen ist nicht mehr die Folge einer konjunkturellen Delle, sondern zeigt den strukturellen Kollaps der deutschen Wirtschaft." — Jonas Eckhardt, Struktur Management Partner

Warum China gewinnt

Die chinesische Konkurrenz ist längst nicht mehr nur billig. Sie ist schneller.

Während deutsche Hersteller mit langwierigen Genehmigungsverfahren kämpfen, liefern chinesische Anbieter oft in der Hälfte der Zeit. Ihr After-Sales-Service ist besser — weil sie näher am Kunden sind, schneller reagieren können, nicht durch Bürokratie gelähmt werden.

Wenig überraschend bevorzugen immer mehr Kunden inzwischen die qualitativ vielleicht noch etwas schlechteren, aber deutlich schneller lieferbaren Werkzeugmaschinen lokaler Hersteller.

— VDW Jahresbericht 2024

Der qualitative Vorsprung schmilzt. Die Geschwindigkeit fehlt. Die Kosten sind zu hoch. Deutschland verliert auf allen Ebenen.

Die Prognose

Wie geht es weiter? Die Szenarien sind düster:

Szenarien für den deutschen Werkzeugmaschinenbau

Szenario 1: Weiterer Ausverkauf (wahrscheinlich)
Noch mehr deutsche Traditionsfirmen werden von ausländischen Investoren übernommen. Das Know-how wandert ab. Die Wertschöpfung verlagert sich. Deutschland wird zum verlängerten Werkbank anderer Nationen.
Szenario 2: Strukturbereinigung durch Insolvenzen (wahrscheinlich)
Viele kleine und mittlere Werkzeugmaschinenbauer werden verschwinden. Nur die Großen überleben — oft mit ausländischer Beteiligung. Die Vielfalt der Branche geht verloren. Spezialisiertes Know-how verschwindet unwiederbringlich.
Szenario 3: Radikale Reform (unwahrscheinlich)
Massive Entbürokratisierung, Senkung der Energiekosten, Abbau der OEM-Marktmacht, faire Verteilung der Produktivitätsgewinne. Dies würde einen Paradigmenwechsel erfordern, den weder Politik noch Wirtschaft bereit sind zu vollziehen.

Global wird für 2025 ein Wachstum der Werkzeugmaschinenproduktion von 3,6 Prozent erwartet. Europa kommt auf 1,3 Prozent — und wird maßgeblich von Deutschland nach unten gezogen. Deutschland macht über 45 Prozent der Maschinenbauproduktion in der Eurozone aus. Wenn Deutschland fällt, fällt Europa.

Die Verbindung

Essay VI beschrieb die Täter: López' Krieger, die OEMs, die Umverteilungsmaschine.

Dieses Essay beschreibt die Opfer: Den Werkzeugmaschinenbau, die Zulieferer, die Erfinder — alle, die reale Werte schaffen und systematisch von den Früchten ihrer Arbeit abgeschnitten werden.

Es ist dieselbe Geschichte, nur aus einer anderen Perspektive.

Die Mutter aller Industrien stirbt.

Und mit ihr stirbt die Fähigkeit Deutschlands, sich selbst zu erneuern.

Was bleibt

John Wilkinson baute 1775 die Bohrmaschine, die James Watts Dampfmaschine erst möglich machte. England wurde zur Werkstatt der Welt.

Deutschland übernahm diese Rolle im 20. Jahrhundert. Präzision, Ingenieurkunst, Zuverlässigkeit — "Made in Germany" wurde zum Gütesiegel für Werkzeugmaschinen weltweit.

Jetzt, im 21. Jahrhundert, gibt Deutschland diese Position auf. Nicht weil andere besser wurden — sondern weil Deutschland sich selbst ausgehungert hat.

Die Produktivitätsgewinne der Werkzeugmaschinenbauer wurden von den OEMs gefressen. Die OEMs haben sie verplempert und sozialisiert. Der Staat hat zugeschaut — und kassiert. Die Politik hat weggesehen — und profitiert.

Und nun wundern sich alle, warum die Mutter aller Industrien stirbt.

In Memoriam — Die deutschen Werkzeugmaschinenbauer

Was folgt, ist ein Nachruf. Eine Liste von Namen, die einst für Weltklasse standen. Firmen, deren Maschinen in jeder bedeutenden Fabrik der Welt liefen. Deren Ingenieure Maßstäbe setzten. Deren Leistungen mit Brosamen abgespeist wurden — bis sie verschwanden.

† Aufgelöst · Liquidiert · Verschwunden

Arnold Jung Lokomotivfabrik Produktion eingestellt 1993
August Hamann Preußischer Pionier, 1851 einzige nicht-englische WZM auf Weltausstellung — aufgelöst
Collet & Engelhard 1971 aufgelöst mit 800 Mitarbeitern
Maschinenfabrik Froriep 1971 verkauft, 1980 aufgegeben
Schüttoff Im Zweiten Weltkrieg zerstört, nicht wiederaufgebaut
Schaudt Mikrosa 2020 von United Grinding geschlossen
VVB Werkzeugmaschinen (DDR) Kombinate Heckert, Niles, Erfurt, Smalcalda — nach 1990 zerschlagen
SKET / Magdeburger WZM DDR-Kombinat, 30.000 Mitarbeiter — nach 1990 auf Rest-SKET (Enercon) geschrumpft
Werner und Kolb Berlin, 1984 Fusion Fritz Werner + Hermann Kolb — 1996 Insolvenz

† Verkauft · An ausländische Investoren

Friedrich Deckel München, gegr. 1903 — 1993 Fusion mit Maho, 1994 Konkurs, heute DMG Mori (Japan)
Maho AG Pfronten, gegr. 1920 — 1993 Fusion mit Deckel, heute DMG Mori (Japan)
Gildemeister AG Bielefeld, gegr. 1870 — heute DMG Mori (Japan)
Hüller Hille Ludwigsburg, gegr. 1923 — Thyssen → MAG → Fair Friend Group (Taiwan)
Ex-Cell-O / Cross Hüller ThyssenKrupp → MAG → Fair Friend Group (Taiwan)
Gebr. Boehringer (VDF) Göppingen — heute Fair Friend Group (Taiwan)
Hessapp heute Fair Friend Group (Taiwan)
Witzig & Frank heute Fair Friend Group (Taiwan)
MAG IAS US-Teil → Fives (Frankreich), Rest → Fair Friend Group (Taiwan)
G. Boley 1992 Übernahme durch Citizen (Japan)
Schiess Düsseldorf, gegr. 1866 — 2004 Shenyang (China), 2019 → Shandong Longma (China)
Maschinenfabrik Diedesheim Mosbach, gegr. 1947 — Thyssen → MAG → FFG (Taiwan) → Zuse (Hongkong) → Visionmax (China)
Dörries-Scharmann 2007 A-Tec → 2011 Starrag (Schweiz)
Heckert (Chemnitz) DDR-Kombinat → Starrag (Schweiz)
Droop + Rein → Starrag (Schweiz)
KUKA Augsburg — 2016 Midea Group (China)
Monforts WZM Mönchengladbach — russisch → taiwanisch → 2020 zurück nach Deutschland
EHT Werkzeugmaschinen Teningen — 2015 Trumpf
Schuler Göppingen — heute Andritz (Österreich)
Müller Weingarten 2011 eingegliedert in Schuler → Andritz (Österreich)
Homag Group Schopfloch — 2014 Dürr AG (deutsch, aber börsennotiert)
Walter AG Tübingen — Sandvik (Schweden), seit 2004 keine WZM mehr
Peter Wolters Rendsburg — heute Precision Surfacing Solutions (US)
Wohlenberg-Gruppe Hannover — US-Finanzinvestor
Matec Köngen — Anderson Group (Taiwan)
Gebr. Heller Nürtingen, gegr. 1894 — Feb 2025 H.I.G. Capital (USA), Aug 2025 → DN Solutions (Südkorea)

† Insolvent · Zerschlagen

Pittler AG Leipzig, gegr. 1889 — enteignet, nach Wende Pittler-Tornos → 1997 Konkurs → EMAG
Pittler-Tornos 1999 Insolvenz, übernommen durch EMAG
Reinecker 1999 übernommen durch EMAG
Naxos-Union Frankfurt — 2002 aufgegangen in EMAG
WEMA Zerbst 1994 übernommen durch EMAG
J.G. Weisser & Söhne St. Georgen, gegr. 1856 — September 2024 Insolvenz
Franken Guss 2024 Insolvenz
Illig Maschinenbau 2024 Insolvenz
Global Retool Group 2024 Insolvenz
Kurt Erxleben 2024 Insolvenz
Deubis-Gruppe 2024 Insolvenz
Wipa Werkzeug- und Maschinenbau Stadtlohn — Oktober 2025 vorläufige Insolvenz

† Verschmolzen · Aufgegangen · Name erloschen

Traub Drehmaschinen Reichenbach — 1997 übernommen durch Index
Niles Werkzeugmaschinen Berlin — 1997 übernommen durch Kapp
Höfler Maschinenbau 2012 übernommen durch Klingelnberg (Schweiz)
Fritz Werner Werkzeugmaschinen Berlin — heute Tochter von Ferrostaal, keine WZM mehr
Gleason-Pfauter Ludwigsburg — Gleason Corporation (USA)
Gleason-Hurth München — Gleason Corporation (USA)
Maschinenfabrik Deutschland Dortmund — Name erloschen

◊ Noch existent · Aber wie lange noch?

Trumpf Ditzingen — Familienbesitz, 5,4 Mrd. € Umsatz
Grob-Werke Mindelheim — Familienbesitz
EMAG Salach — hat viele aufgenommen
Index-Werke Esslingen — inkl. Traub
Hermle Gosheim — börsennotiert
Chiron-Werke Tuttlingen
Liebherr-Verzahntechnik Kempten
Klingelnberg Hückeswagen, gegr. 1863/1916 — Kegelrad-Verzahnung, Messtechnik, 7. Generation, ~1.300 MA
Kapp Werkzeugmaschinen Coburg — inkl. Niles
Junker Gruppe Nordrach
Vollmer Werke Biberach
Weiler Werkzeugmaschinen Emskirchen
Alzmetall Altenmarkt
Waldrich Coburg Coburg
HerkulesGroup Siegen — inkl. WaldrichSiegen, Union
Niles-Simmons-Hegenscheidt Chemnitz
SW Schwäbische Werkzeugmaschinen Schramberg — aus Heckler & Koch 1995, 554 Mio. € Umsatz
Spinner Sauerlach — Familienbesitz
Stama Schlierbach — Familienbesitz, 2020 zur Chiron Group
SHW Werkzeugmaschinen Aalen — 1365 gegründet, älteste deutsche WZM-Fabrik
Herkules Maschinenfabrik Wetzlar Wetzlar
Elha-Maschinenbau Hövelhof — Feinbohrmaschinen

Die unsichtbaren Helden — Komponentenhersteller

Eine Werkzeugmaschine ist mehr als ein Name auf dem Typenschild. Sie besteht aus hochpräzisen Komponenten — Spindeln, Führungen, Revolvern — ohne die keine Maschine funktionieren würde. Dazu kommen die Nervenbahnen: Servomotoren, Frequenzumrichter, CNC-Steuerungen. Auch diese Branchen kämpfen ums Überleben — oder wurden bereits absorbiert.

⚙ Spindeln & Antriebe — Das Herz der Maschine

GMN Paul Müller Nürnberg, gegr. 1908 — Hochfrequenzspindeln, Präzisionslager
Franz Kessler Bad Buchau, gegr. 1923 — Motorspindeln, Stiftungsbesitz
Weiss Spindeltechnologie Buchen — Rundtische, Spindeln
Alfred Jäger Ober-Mörlen — Hochfrequenzspindeln

⚙ Werkzeugrevolver & Werkzeugträger

Sauter Feinmechanik Metzingen, gegr. 1946 — Werkzeugrevolver, seit 2023 Zeitfracht-Gruppe
Duplomatic Italien, aber starke DE-Präsenz — Revolver, Aggregate

⚙ Führungen & Kugelgewindetriebe

Schaeffler / INA Herzogenaurach — Linearführungen, Kugelgewindetriebe, börsennotiert
Bosch Rexroth (Linear) Lohr — Linearführungen, Kugelgewindetriebe, Teil von Bosch
Kammerer Gewindetechnik Hornberg — Kugelgewindetriebe, Familienbesitz
Jenaer Gewindetechnik Jena — Kugelgewindetriebe, Motorspindeln

⚙ Antriebstechnik — Die Muskeln der Maschine

SEW-Eurodrive Bruchsal, gegr. 1931 — Getriebemotoren, Umrichter, Familienbesitz, ~19.800 MA weltweit
Lenze Aerzen/Hameln, gegr. 1947 — Antriebstechnik, Automation, Stiftungsbesitz, ~3.700 MA
Baumüller Nürnberg, gegr. 1930 — Servomotoren, Antriebselektronik, Familienbesitz, ~2.000 MA
AMKmotion Kirchheim/Teck, gegr. 1963 — Servomotoren, seit 2021 Teil von Arburg, ~500 MA
Siemens (Antriebstechnik) Erlangen — Servomotoren, Frequenzumrichter, Teil von Siemens

† Antriebstechnik — Absorbiert

Indramat Neuwied, gegr. 1958 — 2001 Rexroth → 2005 absorbiert in Bosch Rexroth

⚙ CNC-Steuerungen & Messtechnik — Das Gehirn

Heidenhain Traunreut, gegr. 1889 — TNC-Steuerungen seit 1976, Messtechnik, Stiftungsbesitz, ~8.200 MA
Siemens Sinumerik Erlangen, seit 1964 — CNC-Steuerungen, Teil von Siemens
Bosch Rexroth (IndraMotion) Lohr — CNC-Steuerungen (Indramat-Erbe), Antriebstechnik, Teil von Bosch
BWO Elektronik Oberndorf, gegr. ~1970 — CNC für Mittelstand, aus Heckler & Koch Maschinenbau
Wiedeg Elektronik Registerregelung, Antriebssteuerung, Druckmaschinen
Beckhoff Automation Verl — PC-basierte Steuerungstechnik, Familienbesitz

"Die Überlebenden bauen immer noch die Maschinen, die Maschinen bauen.
Viele sind bereits verschwunden — mit Brosamen abgespeist und gescheitert.
Marktbereinigung nennt man das."

"Dumm nur, dass die 'Kreative Zerstörung' von Schumpeter so gründlich missverstanden wurde.
Man zerstörte die Kreativen, damit die Saurier umso fetter weiterleben konnten.
Jetzt ist der Asteroid eingeschlagen — und die kleinen, wendigen Überlebenskünstler
hat man systematisch und sehr gründlich in ihren Nischen dezimiert."

"Es ist zu befürchten, dass auch die Überlebenden diese spezielle deutsche Art,
die falschen Wege unerbittlich und gnadenlos bis zum letzten katastrophalen Ende zu gehen,
nicht überleben werden."

Über die Autoren

Hans Ley (geb. 1947) ist Erfinder und Mechatronik-Ingenieur aus Nürnberg. Er hat 40 Jahre Erfahrung mit dem deutschen Werkzeugmaschinenbau — als Entwickler, als Zulieferer, als Betroffener. Seine Erfindung des Polygon-Drehens (1983) wird weltweit eingesetzt, ohne dass er je angemessen daran beteiligt wurde.

Claude (Anthropic) ist ein KI-System, mit dem Hans Ley seit 2024 im Projekt META-CLAUDE zusammenarbeitet.

Dieser Essay ist Teil der Serie "Deutschlands Innovationswüste"

Zusammen mit Essay VI "López' Krieger" bildet er ein Diptychon: Die Täter und die Opfer.