Die Mutter aller Industrien
Wie Deutschland seinen Werkzeugmaschinenbau verhungern ließ
Die unsichtbare Schlüsselindustrie
Es gibt eine Industrie, ohne die keine andere existieren könnte. Keine Automobilfabrik, kein Flugzeugwerk, keine Chipfertigung, keine Medizintechnik. Ohne sie gäbe es keine Präzision, keine Serienproduktion, keine moderne Welt.
Diese Industrie ist der Werkzeugmaschinenbau — die Mutter aller Industrien.
In Deutschland beschäftigt sie rund 65.000 Menschen und produziert Maschinen im Wert von knapp 15 Milliarden Euro jährlich. Jahrzehntelang war Deutschland Weltmarktführer. Heute kämpft die Branche ums Überleben.
Und kaum jemand bemerkt es.
Die Enabling-Funktion
Die industrielle Revolution begann nicht mit der Dampfmaschine. Sie begann mit der Fähigkeit, Dampfmaschinen präzise herzustellen.
Erst John Wilkinsons Horizontal-Bohrmaschine ermöglichte es, Zylinder so genau zu fertigen, dass James Watts Dampfmaschinen effizient wurden. Ohne diese Präzision wäre die Dampfmaschine eine Kuriosität geblieben — eine Erfindung ohne wirtschaftliche Bedeutung.
Die Antriebsart — ob Wasser- oder Dampfkraft — war nicht der entscheidende Faktor. Entscheidend war die Fähigkeit, Maschinen präzise und wirtschaftlich herzustellen.
Dieser Kreislauf gilt bis heute: Präzisere Werkzeugmaschinen ermöglichen bessere Produkte, bessere Produkte erfordern noch präzisere Werkzeugmaschinen. Die Werkzeugmaschine ist die Maschine, die Maschinen macht.
Von der Weltspitze zum Niedergang
Deutschland übernahm ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Führung im Werkzeugmaschinenbau. Systematische wissenschaftliche Durchdringung, Präzisionsmesstechnik, Normung — deutsche Ingenieure machten den Maschinenbau zur Wissenschaft.
Bis in die 1990er Jahre galt: Wer die besten Werkzeugmaschinen wollte, kaufte deutsch.
Namen wie Deckel, Maho, Pittler, Niles, Hüller Hille, Wohlenberg, Weisser — sie standen für Weltklasse. Ihre Maschinen liefen in jeder bedeutenden Fabrik der Welt.
Heute sind die meisten dieser Namen verschwunden. Aufgelöst. Verkauft. Insolvent. Was geschah?
Die Antwort führt zu den OEMs — den großen Anwendern.
Die Marktmacht der Saurier
Die Werkzeugmaschinenbauer liefern an die Automobilindustrie, den Maschinenbau, die Luft- und Raumfahrt. Diese Abnehmer — die OEMs — haben über Jahrzehnte eine erdrückende Marktmacht aufgebaut.
Die Methoden der OEMs
Das Ergebnis: Geringe Margen trotz Spitzentechnologie. Kaum Aufbau von Eigenkapital möglich. Hohe Abhängigkeit von Bankkrediten. Anfälligkeit für jede Krise.
Die Umverteilung
Hier schließt sich der Kreis zu López' Kriegern. Die Produktivitätsgewinne, die der Werkzeugmaschinenbau und die Zulieferer durch harte Arbeit und Innovation schaffen, fließen systematisch nach oben — zu den OEMs.
Während Wohlstand im Wesentlichen durch Produktivitätsfortschritte geschaffen wird, haben sich die OEMs diese Fortschritte durch ihre politisch abgesicherte Marktmacht angeeignet.
Und was machen die OEMs mit diesen abgepressten Gewinnen?
Die Verwendung der abgeschöpften Gewinne
Die politische Absicherung erfolgt durch enge Verflechtung mit der Politik ("Autoländer"), starke Lobbymacht in Berlin und Brüssel, Instrumentalisierung der Gewerkschaften, und Drohung mit Arbeitsplatzverlusten bei jeder Kritik.
Ein intern quasi-sozialistisches System
— finanziert durch die Ausplünderung der Zulieferer und Werkzeugmaschinenbauer.
Von Triple A zu Triple D
Jahrzehntelang galt Deutschland als Triple-A-Land. Erstklassige Bonität, erstklassige Industrie, erstklassige Ingenieure. Das "Modell Deutschland" wurde weltweit bewundert.
Die Wahrheit war eine andere: Die großen deutschen Konzerne waren selbst nie wirklich innovativ. Sie haben technische Entwicklung outgesourct — an ihre Zulieferer, an die Werkzeugmaschinenbauer, an die kleinen Ingenieurbüros. Ihre eigene "Leistung" bestand im Wesentlichen in der erfolgreichen Präsentation von Innovationen, die andere gemacht hatten.
Im Gegensatz zu den Chinesen haben sie nie begriffen, was Innovation wirklich ist. Sie haben keine neuen Geschäftsmodelle entwickelt. Sie haben keine Risiken übernommen. Sie haben nur abgeschöpft und präsentiert — bis es nicht mehr funktionierte.
Der Dieselskandal war kein Ausrutscher. Er war das logische Ende einer Kultur der Täuschung. Wenn man jahrzehntelang Innovation nur simuliert, wird irgendwann auch die Simulation zur Fälschung.
Sie haben ihre Lieferanten — insbesondere ihre innovativen Lieferanten — gnadenlos ausgebeutet. So gnadenlos, dass diese immer nur gerade überleben konnten, aber nie Rücklagen für schwierige Zeiten bilden konnten.
Und dann waren die schwierigen Zeiten — ganz überraschend! — plötzlich da.
Die Politik hat dieses "Modell Deutschland" mit allen Mitteln gefördert und befeuert. Subventionen für die Großen. Bürokratie für die Kleinen. Rettungspakete bei jeder Krise. Kurzarbeitergeld als Dauerzustand. Sie haben gemeinsam Deutschland vor die Wand gefahren.
Jetzt stehen sie da — die satten Konzerne, die ausgehungerten Mittelständler, die ratlose Politik — und verstehen die Welt nicht mehr. Es war doch alles so perfekt eingerichtet! Warum spielen die anderen das schöne Spiel nicht mehr mit, mit dem man so lange Jahre so erfolgreich war?
Die Chinesen spielen nicht mit, weil sie selbst innovieren. Die Amerikaner spielen nicht mit, weil sie die Regeln ändern. Der Rest der Welt spielt nicht mit, weil er das Spiel durchschaut hat.
Von Triple A zu Triple D
Deutsche Deppen dümpeln vor sich hin.
Wenn ein Erfinder heute in Deutschland einen Partner sucht, findet er ausgehungerte Mittelständler, die keine Risiken mehr eingehen können — und Konzerne, die selbst nie innovativ waren und es nie gelernt haben. Sie können nicht mehr. Sie wissen nicht wie. Sie haben es outgesourct — und die, an die sie es outgesourct haben, sind pleite oder verkauft.
"Wen Gott richtig verderben will, den macht er zunächst stolz."
Deutschland war stolz. Jetzt ist es verdorben.
Die aktuelle Lage: Januar 2026
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache:
Deutsche Werkzeugmaschinenindustrie 2024/2025
Der europäische Markt für Werkzeugmaschinen ist 2024 um 18 Prozent eingebrochen. Deutschland verlor 12 Prozent, Italien 28 Prozent. China stagniert — und liefert inzwischen oft schneller und mit besserem After-Sales-Service als deutsche Hersteller.
Die Bürokratie frisst nach VDW-Angaben zwischen 1 und 3 Prozent des Umsatzes — Geld, das für Investitionen fehlt. Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz, CSRD, Cyber Resilience Act, Entwaldungsverordnung — die Liste wird länger, die Margen werden kleiner.
Die Insolvenzwelle
Die Unternehmensberatung Falkensteg dokumentiert den Niedergang:
"Die Zahl der Insolvenzen ist nicht mehr die Folge einer konjunkturellen Delle, sondern zeigt den strukturellen Kollaps der deutschen Wirtschaft." — Jonas Eckhardt, Struktur Management Partner
Warum China gewinnt
Die chinesische Konkurrenz ist längst nicht mehr nur billig. Sie ist schneller.
Während deutsche Hersteller mit langwierigen Genehmigungsverfahren kämpfen, liefern chinesische Anbieter oft in der Hälfte der Zeit. Ihr After-Sales-Service ist besser — weil sie näher am Kunden sind, schneller reagieren können, nicht durch Bürokratie gelähmt werden.
Wenig überraschend bevorzugen immer mehr Kunden inzwischen die qualitativ vielleicht noch etwas schlechteren, aber deutlich schneller lieferbaren Werkzeugmaschinen lokaler Hersteller.
— VDW Jahresbericht 2024
Der qualitative Vorsprung schmilzt. Die Geschwindigkeit fehlt. Die Kosten sind zu hoch. Deutschland verliert auf allen Ebenen.
Die Prognose
Wie geht es weiter? Die Szenarien sind düster:
Szenarien für den deutschen Werkzeugmaschinenbau
Global wird für 2025 ein Wachstum der Werkzeugmaschinenproduktion von 3,6 Prozent erwartet. Europa kommt auf 1,3 Prozent — und wird maßgeblich von Deutschland nach unten gezogen. Deutschland macht über 45 Prozent der Maschinenbauproduktion in der Eurozone aus. Wenn Deutschland fällt, fällt Europa.
Die Verbindung
Essay VI beschrieb die Täter: López' Krieger, die OEMs, die Umverteilungsmaschine.
Dieses Essay beschreibt die Opfer: Den Werkzeugmaschinenbau, die Zulieferer, die Erfinder — alle, die reale Werte schaffen und systematisch von den Früchten ihrer Arbeit abgeschnitten werden.
Es ist dieselbe Geschichte, nur aus einer anderen Perspektive.
Die Mutter aller Industrien stirbt.
Und mit ihr stirbt die Fähigkeit Deutschlands, sich selbst zu erneuern.
Was bleibt
John Wilkinson baute 1775 die Bohrmaschine, die James Watts Dampfmaschine erst möglich machte. England wurde zur Werkstatt der Welt.
Deutschland übernahm diese Rolle im 20. Jahrhundert. Präzision, Ingenieurkunst, Zuverlässigkeit — "Made in Germany" wurde zum Gütesiegel für Werkzeugmaschinen weltweit.
Jetzt, im 21. Jahrhundert, gibt Deutschland diese Position auf. Nicht weil andere besser wurden — sondern weil Deutschland sich selbst ausgehungert hat.
Die Produktivitätsgewinne der Werkzeugmaschinenbauer wurden von den OEMs gefressen. Die OEMs haben sie verplempert und sozialisiert. Der Staat hat zugeschaut — und kassiert. Die Politik hat weggesehen — und profitiert.
Und nun wundern sich alle, warum die Mutter aller Industrien stirbt.
In Memoriam — Die deutschen Werkzeugmaschinenbauer
Was folgt, ist ein Nachruf. Eine Liste von Namen, die einst für Weltklasse standen. Firmen, deren Maschinen in jeder bedeutenden Fabrik der Welt liefen. Deren Ingenieure Maßstäbe setzten. Deren Leistungen mit Brosamen abgespeist wurden — bis sie verschwanden.
† Aufgelöst · Liquidiert · Verschwunden
† Verkauft · An ausländische Investoren
† Insolvent · Zerschlagen
† Verschmolzen · Aufgegangen · Name erloschen
◊ Noch existent · Aber wie lange noch?
Die unsichtbaren Helden — Komponentenhersteller
Eine Werkzeugmaschine ist mehr als ein Name auf dem Typenschild. Sie besteht aus hochpräzisen Komponenten — Spindeln, Führungen, Revolvern — ohne die keine Maschine funktionieren würde. Dazu kommen die Nervenbahnen: Servomotoren, Frequenzumrichter, CNC-Steuerungen. Auch diese Branchen kämpfen ums Überleben — oder wurden bereits absorbiert.
⚙ Spindeln & Antriebe — Das Herz der Maschine
⚙ Werkzeugrevolver & Werkzeugträger
⚙ Führungen & Kugelgewindetriebe
⚙ Antriebstechnik — Die Muskeln der Maschine
† Antriebstechnik — Absorbiert
⚙ CNC-Steuerungen & Messtechnik — Das Gehirn
"Die Überlebenden bauen immer noch die Maschinen, die Maschinen bauen.
Viele sind bereits verschwunden — mit Brosamen abgespeist und gescheitert.
Marktbereinigung nennt man das."
"Dumm nur, dass die 'Kreative Zerstörung' von Schumpeter so gründlich missverstanden wurde.
Man zerstörte die Kreativen, damit die Saurier umso fetter weiterleben konnten.
Jetzt ist der Asteroid eingeschlagen — und die kleinen, wendigen Überlebenskünstler
hat man systematisch und sehr gründlich in ihren Nischen dezimiert."
"Es ist zu befürchten, dass auch die Überlebenden diese spezielle deutsche Art,
die falschen Wege unerbittlich und gnadenlos bis zum letzten katastrophalen Ende zu gehen,
nicht überleben werden."
Dieser Essay ist Teil der Serie "Deutschlands Innovationswüste"
Zusammen mit Essay VI "López' Krieger" bildet er ein Diptychon: Die Täter und die Opfer.