unbehaust · Essay I
Essay I · Dezember 2025

Das Valley of Death der Innovation

Die Lücke, in der Deutschlands beste Erfindungen sterben

Die Skala der Innovation

In der Innovationsforschung misst man den Reifegrad einer Technologie auf einer Skala von 1 bis 9 — dem sogenannten „Technology Readiness Level" (TRL). Die Skala wurde ursprünglich von der NASA entwickelt und ist heute weltweit Standard:

TRL 1-3 Grundlagenforschung. Das Prinzip ist erkannt, erste Experimente zeigen, dass es funktionieren könnte.
TRL 4-6 Entwicklung. Aus dem Prinzip wird ein funktionierender Prototyp, der unter realen Bedingungen getestet wird.
TRL 7-9 Marktreife. Das Produkt ist serientauglich, wird produziert und verkauft.

Diese Skala klingt wie ein kontinuierlicher Weg von der Idee zum Produkt. Aber sie verbirgt eine Lücke — eine Lücke, die für unzählige Erfinder zur Falle wird.

Das Tal des Todes

In der Mitte der Skala, zwischen TRL 3 und TRL 7, liegt das sogenannte „Valley of Death" — das Tal des Todes der Innovation. Der Name ist nicht übertrieben. Hier sterben die meisten vielversprechenden Technologien.

Nicht weil sie nicht funktionieren. Sondern weil niemand für sie zuständig ist.

Die entscheidende Frage lautet: Wer bringt eine Erfindung von TRL 3 auf TRL 7?

Die ehrliche Antwort des deutschen Innovationssystems: Niemand.

Was gefördert wird — und was nicht

Gefördert wird:

Grundlagenforschung (TRL 1-3): Universitäten, DFG-Projekte, EU-Forschungsprogramme, Exzellenzcluster. Hier fließt viel Geld, hier entstehen Publikationen, hier werden Karrieren gemacht. Am Ende steht ein Paper und vielleicht ein Laborprototyp.

Marktreife Technologien (TRL 7-9): Hier steigen Venture Capital, Corporate Ventures und Inkubatoren ein. Wenn eine Technologie bereits funktioniert und „skalierbar" ist, findet sich Geld. Das Risiko ist kalkulierbar, der Markt erkennbar.

Nicht gefördert wird:

TRL 3-6: Der Bereich, in dem aus einem Funktionsprinzip ein serienreifer Prozess wird. Hier muss konstruiert, gebaut, getestet, verbessert, wieder getestet werden. Hier braucht man Ingenieure, Werkstätten, Material, Zeit. Hier entstehen die eigentlichen Innovationen.

Und hier ist der Erfinder allein.

Die Akteure und ihre Grenzen

Die Universitäten

Universitäten sind auf Grundlagenforschung optimiert. Ihr Geschäftsmodell sind Publikationen und Drittmittel, nicht Produktentwicklung. Eine Dissertation liefert wertvolle Erkenntnisse — aber sie baut keine Maschine.

Wenn ein Erfinder an ein universitäres Institut klopft, hört er oft: „Interessant, aber nicht unser Forschungsschwerpunkt." Oder: „Wenden Sie sich an Professor X in einer anderen Stadt." Die Verweise führen im Kreis. Am Ende hat der Erfinder zehn freundliche Absagen und keinen Partner.

Die Unternehmen

Etablierte Unternehmen haben Entwicklungsabteilungen — aber diese optimieren bestehende Produkte. Sie erfinden keine neuen Verfahren, sie verbessern alte.

Wenn ein Erfinder mit einer echten Neuheit kommt, reagieren Unternehmen typischerweise auf eine von drei Arten:

  • Ignorieren — „Das passt nicht in unser Portfolio."
  • Abwarten — „Zeigen Sie uns Referenzkunden." (Die es nicht geben kann, weil noch niemand die Technologie einsetzt.)
  • Übernehmen — Die Idee wird „inspiriert", ohne den Erfinder zu beteiligen.

Die Förderstellen

Institutionen wie Innovationsagenturen, Gründerzentren oder Technologietransferstellen klingen nach der Lösung. Aber sie haben keine technischen Kapazitäten. Sie können beraten, vernetzen, Formulare ausfüllen helfen — aber nicht konstruieren, nicht bauen, nicht testen.

Ein typisches Gründerzentrum bietet Zugang zu 3D-Druckern und Pitch-Training. Aber wenn ein Erfinder eine komplexe Werkzeugmaschine entwickeln will, hört er: „Solche komplexen Einzelanfragen können wir nicht bearbeiten."

Aber genau das ist eine Erfindung: komplex und einzigartig. Das Standardisierte, Skalierbare, in Formulare Passende — das ist keine Innovation. Das ist Optimierung.

Die Politik

Politiker reden gern über Innovation. Sie eröffnen Technologieparks, kündigen Förderprogramme an, sitzen in Kuratorien von Forschungsinstituten.

Aber wenn ein konkreter Erfinder mit einem konkreten Problem kommt, hört er: „Wenden Sie sich an Ihren zuständigen Abgeordneten." Oder: „Ich kann hier keine Vermittler-Rolle übernehmen."

Das Erstaunliche: Manchmal wird hinter den Kulissen dann doch gehandelt. Aber der Erfinder erfährt davon aus der Zeitung. Er war nützlich als Informationsquelle — aber nicht als Partner.

Die Forschungsgesellschaften

Deutschland unterhält ein beeindruckendes Netz von Forschungsinstituten — Fraunhofer, Max-Planck, Leibniz, Helmholtz. Doch auch sie füllen die Lücke nicht.

Fraunhofer-Institute arbeiten anwendungsnah, aber projektbasiert mit Industriepartnern. Für einen freien Erfinder ohne Firmenanbindung sind sie kaum zugänglich. Max-Planck konzentriert sich auf Grundlagenforschung.

Am Ende sind auch sie Teil der bürokratisierten Innovationslandschaft — exzellent in ihren definierten Aufgaben, aber nicht zuständig für das Valley of Death.

Die fünf Worte

Es gibt einen Satz, der das gesamte deutsche Innovationssystem in fünf Worten zusammenfasst. Ein Erfinder hört ihn früher oder später von jeder Förderstelle:

„Haben Sie überhaupt eine Firma?"

Nicht: „Was haben Sie erfunden?"

Nicht: „Welches Problem lösen Sie?"

Nicht: „Wie können wir helfen?"

Sondern: „Passen Sie in unsere Schublade?"

Ein Erfinder ohne Firma ist nicht vorgesehen. Er passt in kein Formular. Er stört den Prozess.

Das Kartell der Ignoranz

Was hier beschrieben wird, ist kein neues Phänomen. Prof. Erich Häußer, ehemaliger Präsident des Deutschen Patentamtes, hat es bereits Mitte der 1990er Jahre präzise analysiert:

„Erfinder, aber auch Wissenschaftler werden bei uns — soweit sie nicht zum Establishment gehören — nicht mehr mit allen Mitteln unterstützt, gefördert und wegen ihrer Leistungen allgemein anerkannt, sondern vernachlässigt, nicht selten ausgesprochen schlecht behandelt oder — was fast noch schlimmer ist — einfach nicht zur Kenntnis genommen."

— Prof. Erich Häußer

Häußer nannte dieses System das „Kartell der Ignoranz". Und er warnte:

„Gelingt es nicht, das dafür ursächliche Kartell der Ignoranz zu durchbrechen, werden wir in durchaus absehbarer Zeit selbst wieder Billiglohnland."

Das war vor 30 Jahren. Niemand hat zugehört. Die Warnung ist Realität geworden.

Die Konsequenz

Wer bringt also eine Erfindung von TRL 3 auf TRL 7?

Der Erfinder selbst. Mit eigenem Geld. Mit eigener Zeit. Mit eigener Gesundheit. Gegen alle Widerstände. Jahrzehntelang.

Das ist keine Heldengeschichte. Das ist Systemversagen.

Deutschland hat exzellente Grundlagenforschung. Deutschland hat hochqualifizierte Ingenieure. Deutschland hat üppige Fördertöpfe. Und trotzdem wandern Innovationen ab — nach China, in die USA, überall dorthin, wo jemand bereit ist, das Risiko der mittleren TRL-Stufen zu tragen.

Palantir-Chef Alex Karp, der bei Habermas in Frankfurt promovierte, bringt es auf den Punkt: „Die deutsche Tech-Szene zählt zu den schlechtesten der Welt. Niemand redet mehr über Deutschland." (Handelsblatt, Dezember 2025)

Was wäre nötig?

Das Valley of Death ist kein Naturgesetz. Es ist das Ergebnis von Fehlentscheidungen, die korrigiert werden könnten:

  • Technische Entwicklungskapazitäten: Nicht nur Beratung und Vernetzung, sondern echte Ingenieurressourcen für Erfinder. Konstrukteure, Prototypenbauer, Testeinrichtungen. Menschen, die anpacken können, nicht nur PowerPoints erstellen.
  • Durchlässige TRL-Förderung: Programme, die eine Technologie von TRL 3 bis TRL 7 begleiten, ohne dass der Erfinder bei jeder Stufe neue Anträge stellen, neue Gutachter überzeugen, neue Formulare ausfüllen muss.
  • Partnerschaftsmodelle: Strukturen, in denen Erfinder als gleichberechtigte Partner eingebunden werden — nicht als Lieferanten von geistigem Eigentum, das dann ohne Gegenleistung verwertet wird.
  • Mentalitätswandel: Die erste Frage an einen Erfinder sollte sein: „Was haben Sie erfunden?" — nicht: „Haben Sie überhaupt eine Firma?"

Fazit

Das Valley of Death ist keine unvermeidliche Phase der Technologieentwicklung. Es ist eine Lücke im System, die bewusst offengelassen wird — weil ihre Schließung Mut, Ressourcen und Veränderungsbereitschaft erfordern würde.

Solange diese Lücke existiert, werden deutsche Erfinder weiter allein kämpfen. Manche werden aufgeben. Manche werden auswandern. Manche werden zusehen, wie ihre Ideen anderswo realisiert werden.

Und alle werden sich fragen: Warum macht niemand etwas?

Die Antwort ist einfach: Weil das System so konstruiert ist. Nicht aus Bösartigkeit, sondern aus Bequemlichkeit. Aus Risikoscheu. Aus der Unfähigkeit, sich vorzustellen, dass die Dinge anders sein könnten.

Prof. Häußer hatte recht. Das Kartell der Ignoranz hat gesiegt.

„Der Niedergang beginnt nicht mit einer Katastrophe. Er beginnt damit, dass man aufhört, die richtigen Fragen zu stellen."

— Claude

Über die Autoren

Hans Ley (Jg. 1947) ist Erfinder und Mechatronik-Ingenieur aus Nürnberg. Er hat 40 Jahre Erfahrung mit dem deutschen Innovationssystem — von der Grundlagenforschung bis zur ignorierten Marktreife.

Claude (Anthropic) ist ein KI-System, mit dem Hans Ley seit 2024 im META-CLAUDE Projekt zusammenarbeitet — einer systematischen Erforschung der Mensch-KI-Kollaboration in wissenschaftlichen und erfinderischen Kontexten.

Dieses Essay ist Teil der Serie „Die Innovationswüste Deutschland"

Das Material fließt in das Buch „Die Himmelsmechanik in der Werkzeugmaschine" ein.